Allgemeines zu
Lebensmitteln und Stadt
Hier sind wichtige Grundlagen und Hintergrundinformationen zur urbanen Landwirtschaft zu finden:
Was ist überhaupt urbane Landwirtschaft?
Was ist überhaupt urbane Landwirtschaft?
Unter dem Begriff der urbanen Landwirtschaft werden sämtliche Aktivitäten entlang der Wertschöpfungskette von Lebensmitteln, Tieren oder Non-Food-Artikeln verstanden, die im Stadtgebiet oder dessen unmittelbarer Umgebung erfolgen. Damit gilt die urbane Landwirtschaft als ein eigenes dynamisches System in der Stadt, das nicht nur städtische Ressourcen nutzt, sondern mit anderen städtischen Funktionen und Nutzungen in Wechselwirkung steht.
Lebensmittelkette

Produktion
Die Lebensmittelproduktion umfasst den Anbau und die Kultivierung pflanzlicher Rohstoffe sowie die Erzeugung tierischer Produkte. Sie bildet die Grundlage der gesamten Lebensmittelkette und ist stark von Anbausystemen, Ressourcenverfügbarkeit und Umweltbedingungen geprägt.
Beispielhafte Orte in der Stadt:
Feld am Stadtrand, Kleingärten, Dachgewächshaus auf Wohngebäude, Hochbeete

Verarbeitung
In der Verarbeitung werden landwirtschaftliche Rohstoffe in haltbare, transport-
fähige oder verzehrfertige Lebensmittel umgewandelt. Dieser Schritt reicht von einfachen Methoden wie dem Trocknen und Mahlen bis hin zu industriellen Verfahren mit komplexer Technologie.
Beispielhafte Orte in der Stadt:
Fabrikgebäude einer Großbäckerei, Schlachthof, Mühle

Distribution
Die Distribution beschreibt den Handel und die Weitergabe von Lebensmitteln entlang der Wertschöpfungskette. Besonders prominent sind hier die Filialen des Groß- und Einzelhandels, wenngleich auch alternative Strukturen wie Direktvermarktung oder die Tafeln bestehen.
Beispiele: Wochenmarkt, Supermarkt, Großhandel

Konsumption
Der Konsum bezeichnet die Nutzung und den Verzehr der Lebensmittel durch den Menschen. Dabei spielen Ernährungsgewohnheiten, kulturelle Praktiken und Kaufkraft eine zentrale Rolle.
Beispiele: Restaurant, Kantine, Zuhause

Entsorgung
Die Entsorgung umfasst den Umgang mit festen und flüssigen Lebensmittelabfällen, Nebenprodukten und Verpackungen. Je nach System können diese deponiert, verbrannt oder in Kreisläufe wie Kompostierung und Biogasanlagen zurückgeführt werden.
Beispiele: Mülltonne, kommunale Deponie, kommunales Klärwerk

Transport und Lagerung
Transport und Lagerung sichern die Verfügbarkeit von Lebensmitteln über räum-
liche und zeitliche Distanzen hinweg und sind somit für alle Stufen der Lebens-
mittelkette bedeutsam. Kühlung, Verpackung und Logistikstrukturen sind entscheidend, um Qualität, Haltbarkeit und Lebensmittelsicherheit zu gewährleisten.
Beispiele: Silos, Verteilzentren am Stadtrand, Lastwagen auf der Straße
Outdoor-Formen der urbanen Lebensmittelproduktion
Der Lebensmittelanbau im Freien ist stark an die natürlichen Rahmenbedingungen gebunden. Pflanzen sind direkt den Einflüssen von Wetter, Klima und Jahreszeiten ausgesetzt, was zu Ertragsschwankungen führen kann. Ressourcen wie Sonnenlicht und Niederschlag stehen kostenfrei und in der Regel in größeren Mengen zur Verfügung, können jedoch nicht kontrolliert werden. Diese
Formen der Lebensmittelkultivierung bleiben damit stärker in natürliche Kreisläufe eingebettet.
Drei typische Outdoor-Formen der urbanen Lebensmittelproduktion sind:

Gemeinschaftsgärten
Gemeinschaftsgärten sind Anbauflächen im urbanen Raum, die sich durch ihre gemeinschaftliche Bewirtschaftung auszeichnen. Sie stehen dabei für die Förderung sozialer Interaktion und ergänzen die lokale Versorgung mit frischen Lebensmitteln.

Hochbeete
Hochbeete sind erhöhte Pflanzflächen, die eine leichtere Bearbeitung ermöglichen. Dank ihrer
hohen Flexibilität können sie an verschiedenen Standorten im urbanen Raum eingesetzt werden - auf Dächern, Fußwegen oder auf dem Balkon.

Kleingärten
Kleingärten sind abgegrenzte Parzellen, die Privatpersonen zur ergänzenden Selbstversorgung und zur Freizeitgestaltung nutzen. Sie verbinden Lebensmittelproduktion mit Erholung und sind fester Bestandteil vieler städtischer Grünstrukturen.
Indoor-Formen der urbanen Lebensmittelproduktion
Die Lebensmittelproduktion in Innenräumen unterscheidet sich grundlegend von herkömmlichen Kultivierungsmethoden, da sich die Wachstumsbedingungen hier gezielt kontrollieren und stabil halten lassen. Faktoren wie Licht, Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Nährstoff- und Wasserversorgung können überwiegend unabhängig von äußeren Einflüssen gesteuert werden. Dadurch wird zumeist eine ganzjährige Produktion ermöglicht, die in der Regel höhere Erträge pro Fläche und eine bessere Ressourceneffizienz erlaubt. Drei typische Indoor-Formen der urbanen Lebensmittelproduktion sind:

Folientunnel
Folientunnel sind einfache Gewächshauskonstruktionen, die mit transparenter Folie bespannt sind. Sie schützen vor Witterungseinflüssen und verlängern so die Anbausaison. Nicht selten sind sie am Stadtrand zu finden.

Dachgewächshäuser
Dachgewächshäuser sind Gewächshäuser, die
urbane Dachflächen ganz oder teilweise für die Lebensmittelproduktion nutzbar machen. Sie kombinieren solare Energiegewinnung mit
kontrollierter Bewässerung und Nährstoffzufuhr.

Vertical Farming
Vertical Farming stellt die extreme Ausprägung der Indoor-Formen dar, die mithilfe der vollständigen Kontrolle sämtlicher Umweltfaktoren und
einer hohen Flächeneffizienz besonders hohe
Ernteerträge verspricht.
Warum überhaupt urbane Landwirtschaft?
Die Vor- und Nachteile lassen sich angesichts der Komplexität der Lebensmittelsystems nicht ganzheitlich darstellen. Die nachfolgende Tabelle versucht jedoch die wesentlichen Punkte der aktuellen Diskussion darzulegen und zeigt, dass die urbane Landwirtschaft heute und zukünftig einen überwiegend positiven Beitrag leisten kann:
V
O
R
T
E
I
L
E
Effiziente Anbauweise mit geringen Flächenbedarfen
Lokale Produktion frischer, hygie-nischer und gesunder Lebensmittel
Beitrag zur städtischen Kreislaufwirtschaft durch Recycling, Einsatz organischer Abfälle und Wieder-verwendung von Regenwasser
Größere Resilienz gegenüber
globalen Lieferkettenstörungen
Verbesserung des städtischen Mikroklimas
Entstehung lokaler Wertschöpfung und Arbeitsplätzen
Einsparung von Liefer- und Transportwegen und damit verbundenen klimawirksamen Emissionen und Luftverunreinigungen
Weniger Ernteverluste
Weniger Einsatz von Dünger und Wasser
Beförderung von Ernährungsbildung
N
A
C
H
T
E
I
L
E
Erhöhte Flächenkonkurrenz im
urbanen Raum
Teils fehlende soziale Akzeptanz von Lebensmittelproduktion in der Stadt
Teils hoher Energieeinsatz nötig, der nicht nur durch die Verwendung von Ökostrom gedeckt wird
Limitiertes Lebensmittelangebot durch Abhängigkeit von lokalen
klimatischen Gegebenheiten (Outdoor-Formen) und durch Abhängigkeit vom Stand der Technik (aktuell eher Gemüse und Kräuter kultivierbar (Indoor-Formen))
Höhere Investitions- und Betriebskosten in der Stadt bedingen
höhere Verkaufspreise der Lebensmittel
Keine förderliche Rechtsprechung im Bauplanungs- und Bauordnungsrecht
Kaum Fördermöglichkeiten aus der gemeinsamen Agrarpolitik der
Europäischen Union in der Stadt
Wie hat sich (urbane) Landwirtschaft überhaupt entwickelt?
Städte und Lebensmittel sind seit jeher miteinander verbunden, jedoch hat sich diese Beziehung im Laufe der Zeit gewandelt. Kurz zusammengefasst, führte zunächst die Überschussproduktion in der Landwirtschaft durch technischen Fortschritt wie zum Beispiel durch die Erfindung des Pfluges dazu, dass die Menschen neuen Tätigkeiten nachgehen konnten. Zuvor waren sie hauptsächlich damit befasst, ihre eigenen Lebensmittel anzubauen und zu kultivieren (reine Subsistenzwirtschaft). Dies war eine wichtige Voraussetzung für das Zusammenleben in den mittelalterlichen Städten Europas. Dennoch zeichneten sich die Städte damals durch ihre Verbundenheit mit landwirtschaftlichen Aktivitäten aus. Tierhaltung in der Stadt und die Felder in unmittelbarer Umgebung sorgten bis ins 19. Jahrhundert hinein für eine überwiegend lokale Lebensmittelversorgung.
Mit dem Einsetzen der Industrialisierung und einem rasanten Bevölkerungswachstum begann nicht nur eine massive Urbanisierung bzw. Land-Stadt-Wanderung, sondern auch Engpässe in der Versorgung mit Lebensmitteln für die Stadtbevölkerung. Als ein Bestandteil der sozialen Frage unterstrichen Mangel- und Fehlernährung die zunehmende Notwendigkeit für eine deutliche Intensivierung der Lebensmittelproduktion. Der steigende Einsatz von technischen Geräten und neuen Düngern konnte dieser Entwicklung im Laufe der Zeit entgegenwirken. Zugleich entkoppelte sich die Produktion räumlich von der Konsumption von Lebensmitteln durch neue Möglichkeiten im Bereich der Konservierung und des Transportwesens. All jene Trends haben sich fortgesetzt und dafür gesorgt, dass das heutige Ernährungssystem globalisiert, delokalisiert und auch kapitalintensiv ist. Auf dieser Grundlage stellt der Lebensmitteleinzelhandel scheinbar selbstverständlich sämtliche Produkte saisonunabhängig und in ausreichender Menge zur Verfügung. In den vergangenen Jahren zeigen sich allerdings auch Präferenzen wie Regionalität, Bioqualität und fleischreduzierte Ernährung – das auch und gerade in den Städten.
6.500
v. u. Z.
Neolithische Revolution
Der Mensch wendet sich vom Nomadentum ab und wird sesshaft, indem er Pflanzen anbaut und Tiere zähmt. Damit entsteht die Grundlage für dauerhafte Siedlungen, gesellschaftliche Entwicklung und die spätere Ausdifferenzierung agrarischer Kulturen.
3.500
v. u. Z.
Erfindung des Pfluges
Der Einsatz von Zugtieren zur Pflugarbeit ermöglicht das Ziehen von Furchen für die Aussaat und führt zu erheblichen Zeit- und Personaleinsparungen. Dadurch können größere Flächen bewirtschaftet und die Produktivität dauerhaft gesteigert werden.
600 - 800
Dreifelderwirtschaft
Indem Wintergetreide, Sommergetreide und ein Jahr Brache im Wechsel angebaut werden, können Böden geschont und zugleich die Erträge gesteigert werden. Dieses System bildet über Jahrhunderte die Grundlage für eine stabilere Ernährungssicherung in Europa.
Ab ca. 1830
Beginn der Industrialisierung
Urbanisierung und starkes Bevölkerungswachstum führen zu einer rasant steigenden Nachfrage nach Lebensmitteln in den Städten. Diese Entwicklung setzt die Landwirtschaft unter enormen Anpassungsdruck und bereitete den Weg für neue Produktions- und Vermarktungsformen.
Ab
1850
Einsatz des Traktors
Der Einsatz von Dreschmaschinen und später auch Traktoren auf den Feldern trägt maßgeblich dazu bei, dass menschliche und tierische Arbeitskraft zunehmend durch Maschinen ersetzt werden. Das hat eine größere Flächenbearbeitung und eine deutliche Steigerung der Produktivität ermöglicht.
1960er Jahre
Grüne Revolution
Hochertragssorten, chemische Düngemitteln und modernere Maschinen bedingen eine massive Ertragssteigerung und eine Milderung von Problemen der Lebensmittelversorgung in vielen Regionen. Gleichzeitig bringt diese Entwicklung neue ökologische und soziale Herausforderungen mit sich.
Ab
21. Jhr.
Neue Formen der Indoor-Kultivierung
Neben der Landwirtschaft 4.0 (Einsatz von Drohnen, künstliche Intelligenz etc.), zeigen neue Formen der Indoor-Kultivierung massive Ressourceneinsparungen bei den Ressourcen Fläche, Wasser und Dünger auf – wenn auch bislang mit vergleichsweise hohem Energiebedarf.
