Gesellschaft
Hier wird regelmäßig über gesellschaftliche und politische
Rahmenbedingungen der (urbanen) Landwirtschaft und Stadtentwicklung auf der europäischen, nationalen, regionalen und kommunalen Ebene.
Übersicht

Wenn Stadt und Region zusammenarbeiten
Wie können Städte und ihr ländliches Umland gemeinsam widerstandsfähigere Ernährungssysteme aufbauen? Die FAO verfolgt mit dem City Region Food Systems (CRFS)-Ansatz einen territorialen Ansatz, der urbane und rurale Räume als funktionale Einheit begreift. Urbane Lebensmittelproduktion spielt dabei eine unterschätzte, aber zentrale Rolle. Dieser Beitrag erklärt, was dahintersteckt – und wo der Ansatz bereits in die Praxis umgesetzt wird.

Notvorräte in der Stadt
Volle Supermarktregale sind für viele selbstverständlich – doch wie lange würde die Versorgung in einer Krise wirklich halten? Notvorräte wirken oft übertrieben, sind aber ein zentraler Baustein für mehr Sicherheit im Alltag. Der Beitrag zeigt, was jede Person zuhause haben sollte, wie sich Vorräte sinnvoll organisieren lassen – und welche Rolle Städte dabei spielen, unsere Ernährungssysteme krisenfest zu machen.

Komparative Vorteile versus lokale Resilienz?
Das EU–Mercosur-Abkommen gilt als geopolitisches Großprojekt. Daraus erwachsen vor allem Fragen für die heimische Landwirtschaft, auch für die urbane Lebensmittelproduktion. Vor diesem Hintergrund sollen mögliche vorteilhafte und negative Implikationen beleuchtet werden, um notwendige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Umsetzung zu formulieren.

Gras in der Stadt?!
Die Stadtplanung ist von der neuen Cannabisgesetzgebung betroffen. Neue Produktionsformen, Schutzabstände und Genehmigungspflichten verändern die Bauleitplanung. Umso wichtiger ist es, zu differenzieren zwischen Cannabis und Lebensmitteln. Gleichzeitig bestehen Parallelen zur urbanen Lebensmittelproduktion. Das wirft die Frage auf, wie regulierte Produktion im urbanen Raum künftig geplant, gesteuert und ermöglicht werden kann.

Der Hunger der Stadt
Das Welternährungsprogramm steht wie kaum eine andere Organisation für humanitäre Fürsorge und hilft Millionen Menschen gegen Hunger. Dabei ist Hunger heute zunehmend ein urbanes Phänomen. Ein Blick auf Städte im globalen Süden zeigt, warum Ernährungssicherheit neu gedacht werden muss – und welche Rolle urbane Lebensmittelproduktion dabei spielen kann.

Trockene Städte, nasse Felder
Die Umsetzung der Gemeinsame Agrarpolitik ist historisch betrachtet der größte Posten aller Ausgaben der Europäischen Union. Die Verteilung dieser Milliardenbeträge basiert auf verschiedenen Zielen und Kriterien, die zentrale europäische Prinzipien fördern. Dass die urbane Lebensmittelproduktion davon jedoch nicht profitiert, hat verschiedene Ursachen. Jedoch gibt es begründete Überlegungen, die Verteilung der Gelder in Zukunft neu zu bewerten.

Wie Ernährungs(un)sicherheit international erfasst wird
Es ist und bleibt ein dramatischer Umstand, dass Millionen Menschen weltweit Hunger leiden. Vor diesem ernsten Hintergrund hat es sich eine internationale Initiative zur Aufgabe gemacht, eine weltweit einheitliche Ernährungsanalyse aufzubauen und regelmäßig über aktuelle Entwicklungen zu berichten. Hunger ist ein globales Phänomen, dessen Bewältigung auch in Städten zu einer überlebenswichtigen Herausforderung geworden ist. In diesem Zusammenhang erscheint urbane Lebensmittelproduktion als Teil der Lösung.

Gutes Essen für Deutschland
Die Ernährungsstrategie der Bundesregierung formuliert erstmals eine strategische Ausrichtung für das Thema Ernährung in Deutschland. Die Strategie proklamiert – ihrem Charakter immanent – allgemeine Zielvorstellungen für die Sicherstellung einer gesunden und nachhaltigen Ernährung in Deutschland. Auch wenn dort nicht unbedingt explizit, sind Bezüge zur Stadtplanung vorhanden und werden untenstehend deutlich gemacht.
Wenn Stadt und Region zusammenarbeiten
Wie der City Region Food System (CRFS)-Ansatz diese Zusammenarbeit
messbar macht
Dieser Beitrag beruht auf Veröffentlichungen FAO (Webseite und Publikation).

Wie können Städte und ihr ländliches Umland gemeinsam widerstandsfähigere Ernährungssysteme aufbauen? Die FAO verfolgt mit dem City Region Food Systems (CRFS)-Ansatz einen territorialen Ansatz, der urbane und rurale Räume als funktionale Einheit begreift. Urbane Lebensmittelproduktion spielt dabei eine unterschätzte, aber zentrale Rolle. Dieser Beitrag erklärt, was dahintersteckt – und wo der Ansatz bereits in die Praxis umgesetzt wird.
Einführung
Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt heute in Städten – Tendenz stark steigend. Bis 2050 werden es voraussichtlich 68 Prozent sein, wobei das Wachstum vor allem in Afrika und Südostasien stattfinden wird. Gleichzeitig wird die Weltbevölkerung auf rund neun Milliarden Menschen anwachsen. Diese Entwicklung stellt konventionelle Ernährungssysteme vor enorme Herausforderungen.
Hinzu kommt der Klimawandel: Die Zahl gemeldeter Naturkatastrophen wie Dürren, Überschwemmungen und Stürme hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten nahezu verdoppelt. Störungen in Produktion und Transport treiben die Lebensmittelpreise in die Höhe – mit besonders harten Folgen für einkommensschwache Bevölkerungsgruppen in Städten, die in hohem Maß auf zugekaufte Lebensmittel angewiesen sind. Die Abhängigkeit von weit entfernten Produktionsstandorten macht urbane Räume anfällig für Versorgungsunterbrechungen, wie die COVID-19-Pandemie eindrücklich gezeigt hat.
Die internationale Gemeinschaft steht damit vor einer doppelten Aufgabe: Sie muss sowohl die Ernährungssicherheit als auch das Management natürlicher Ressourcen im Kontext von Urbanisierung und Klimawandel neu denken – und dafür konkrete Instrumente entwickeln.
Entstehung des City Region Food System (CRFS)-Ansatz
Die Wurzeln des CRFS-Programms liegen in der FAO-Initiative „Food for the Cities“, die im Jahr 2001 ins Leben gerufen wurde. Daraus entstand 2014 ein gemeinsames Programm der FAO und der Organisation RUAF, das seither Kommunen und nationale Regierungen dabei unterstützt, resiliente Ernährungssysteme aufzubauen.
Das Programm arbeitet gezielt an der Umsetzung der UN-Nachhaltigkeitsziele: SDG 2 (Ernährungssicherheit und nachhaltige Landwirtschaft), SDG 11 (nachhaltige Städte) und SDG 12 (nachhaltiger Konsum und Produktion) werden operativ miteinander verknüpft. Internationale Abkommen wie der Milan Urban Food Policy Pact – inzwischen von über 210 Städten unterzeichnet – und die New Urban Agenda flankieren das Programm politisch.
Seit 2019 läuft die zweite Programmphase mit einem stärkeren Fokus auf Resilienz gegenüber Klima- und Pandemierisiken – eine Ausrichtung, die angesichts jüngster globaler Krisen kaum aktueller sein könnte.
Bausteine für ein stadtregionales Ernährungssystem
Der von der FAO entwickelte City Region Food Systems (CRFS)-Ansatz setzt genau hier an. Eine „Stadtregion“ bezeichnet dabei nicht nur Megastädte und ihr unmittelbares Umland, sondern auch klein- und mittelstädtische Räume, die entlegene kleinbäuerliche Betriebe mit städtischen Märkten verbinden. Im Mittelpunkt steht das Ernährungssystem als funktionales Band, das Stadt und Land zu einer territorialen Einheit verknüpft.
Ein City Region Food System umfasst alle Akteure, Prozesse und Beziehungen, die an der Lebensmittelproduktion, -verarbeitung, -verteilung und dem Konsum in einer bestimmten Stadtregion beteiligt sind. Dabei sind Ernährungssysteme eng mit anderen Bereichen verknüpft: Wasserversorgung, Abfallmanagement, Energie, Gesundheit, Klimaschutz und Raumplanung greifen ineinander. Genau diese Vernetzung macht den Ansatz so wirkmächtig – und so komplex. Entscheidend für die Umsetzung sind politischer Wille, geeignete Planungsinstrumente sowie die aktive Einbindung von Kommunen, Zivilgesellschaft und Privatwirtschaft. Jede Stadtregion ist dabei einzigartig – mit eigenen Stärken, Schwachstellen und Lösungsansätzen.
Idealtypisch wird der Ablauf in etwa sechs Phasen unterteilt:

Eigene Darstellung nach FAO (2026).
Rolle der urbanen Lebensmittelproduktion
In der Praxis beginnt die CRFS-Arbeit in Pilotstädten mit einem strukturierten, partizipativen Prozess: Die Stadtregion wird kartiert, Daten zum lokalen Ernährungssystem erhoben, verschiedene Nachhaltigkeitsdimensionen bewertet und relevante Akteure in die Politikgestaltung eingebunden. Ergebnis können neue Ernährungsstrategien, revitalisierte Governance-Netzwerke oder kommunale Beschaffungsprogramme sein.
Urbane und stadtnahe Lebensmittelproduktion spielt in diesem Rahmen eine strategische Rolle: Sie verkürzt Lieferketten, schafft lokale Wertschöpfung, stärkt die Versorgungsresilienz und verbessert den Zugang zu frischen Lebensmitteln – gerade für vulnerable Gruppen. Gleichzeitig trägt sie zur Begrünung städtischer Räume und zur Bewusstseinsbildung über Ernährungszusammenhänge bei.
In der ersten Programmphase (2015–2018) wurden Städte wie Medellín, Quito, Utrecht und Toronto einbezogen. Die laufende zweite Phase arbeitet mit Städten wie Kigali (Ruanda), Tamale (Ghana), Antananarivo (Madagaskar) und Colombo (Sri Lanka) – Kontexte, in denen urbane Lebensmittelproduktion besonders hohe Relevanz für die Ernährungssicherheit hat.
Fazit
Der CRFS-Ansatz der FAO zeigt, dass nachhaltige Ernährungssicherheit nicht ohne eine räumliche Perspektive zu denken ist. Städte und ihr Umland müssen als zusammenhängende Systeme verstanden und entwickelt werden. Urbane Lebensmittelproduktion ist dabei kein Nischenthema – sie ist ein integraler Bestandteil resilienter Stadtregionen. Wer Ernährungssysteme zukunftsfähig gestalten will, kommt an diesem territorialen Denken nicht vorbei.
Quelle
Webseite der FAO (2026). https://www.fao.org/in-action/food-for-cities-programme/overview/crfs/en/
FAO - Food and Agriculture Organization of the United Nations (2023): Building sustainable and resilient city region food systems. Assessment and planning handbook. Rom.
Notvorräte in der Stadt
Zwischen Eigenverantwortung und resilienter Planung
Dieser Beitrag beruht teilweise auf Beiträgen des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe und des Bundeszentrums für Ernährung.

Volle Supermarktregale sind für viele selbstverständlich – doch wie lange würde die Versorgung in einer Krise wirklich halten? Notvorräte wirken oft übertrieben, sind aber ein zentraler Baustein für mehr Sicherheit im Alltag. Der Beitrag zeigt, was jede Person zuhause haben sollte, wie sich Vorräte sinnvoll organisieren lassen – und welche Rolle Städte dabei spielen, unsere Ernährungssysteme krisenfest zu machen.
Einführung
Die Frage nach Notvorräten wirkt auf den ersten Blick wie ein Relikt vergangener Zeiten. Doch in einer Welt zunehmender Krisen gewinnt sie neue Aktualität. Extremwetterereignisse, geopolitische Spannungen, Energieengpässe oder auch Störungen globaler Lieferketten zeigen, wie verletzlich unsere hochgradig vernetzten Versorgungssysteme sind. Gerade Städte sind hierbei besonders anfällig. Sie sind auf eine kontinuierliche Versorgung angewiesen, während Lagerhaltung und Produktion weitgehend ausgelagert wurden. Supermärkte arbeiten nach dem Prinzip „just-in-time“ – was effizient ist, aber im Krisenfall schnell zu Engpässen führen kann. Vor diesem Hintergrund wird deutlich: Individuelle Vorsorge und strukturelle Resilienz sind keine Gegensätze, sondern ergänzen sich.
Übersicht über empfohlene individuelle Lebensmittelvorräte
Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe und das Bundeszentrum für Ernährung geben dafür eine gute Orientierung. Empfohlen wird ein Vorrat für etwa zehn Tage pro Person – ausreichend, um kurzfristige Krisen eigenständig zu überbrücken. Zentral ist zunächst die Wasserversorgung: Rund zwei Liter pro Person und Tag sollten eingeplant werden. Hinzu kommen haltbare Lebensmittel, die ohne Kühlung auskommen und sich einfach zubereiten lassen. Dazu zählen Getreideprodukte wie Reis, Nudeln oder Haferflocken ebenso wie Konserven mit Gemüse, Hülsenfrüchten oder Obst. Ergänzt wird dies durch Milchprodukte mit langer Haltbarkeit, etwa H-Milch, sowie durch proteinreiche Lebensmittel wie Fisch- oder Fleischkonserven oder pflanzliche Alternativen. Auch Fette und Öle, Nüsse, Trockenfrüchte und energiereiche Snacks sind sinnvoll. Wichtig ist dabei nicht nur die Haltbarkeit, sondern auch die Alltagstauglichkeit: Der Vorrat sollte aus Lebensmitteln bestehen, die regelmäßig konsumiert werden. Ergänzend sollte bedacht werden, wie die Zubereitung im Notfall funktioniert – etwa bei einem Stromausfall. Die empfohlene Zusammensetzung sieht in etwa so aus (ohne Getränke):

Pflege der Notvorräte
Ein häufiger Fehler besteht darin, Notvorräte als separate, ungenutzte Reserve anzulegen. Sinnvoller ist es, sie in den Alltag zu integrieren. Das sogenannte Rotationsprinzip („First in – first out“) sorgt dafür, dass ältere Produkte zuerst verbraucht und regelmäßig ersetzt werden. So entsteht kein „toter Vorrat“, sondern ein dynamisches System, das sich automatisch erneuert. Ein bis zwei Überprüfungen pro Jahr reichen aus, um Bestände zu kontrollieren und anzupassen. Dabei zeigt sich auch, dass viele Lebensmittel deutlich länger haltbar sind, als das Mindesthaltbarkeitsdatum vermuten lässt. Entscheidend ist letztlich nicht Perfektion, sondern Kontinuität: Ein schrittweiser Aufbau des Vorrats ist alltagstauglich und reduziert gleichzeitig das Risiko im Ernstfall erheblich.
Von Vorratslagern zur Resilienz: Die Rolle der Stadtplanung
Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass Ernährungsvorsorge nicht immer primär als individuelle Aufgabe verstanden wurde. Während des Kalten Krieges war sie integraler Bestandteil staatlicher Sicherheitsstrategien. Neben zentralen Reserven organisierte die öffentliche Hand auch auf lokaler Ebene Notversorgungssysteme. Kommunen planten Ausgabestellen, Notküchen und Verteilstrukturen, unterstützt durch Organisationen wie das Technisches Hilfswerk und das Deutsches Rotes Kreuz. Ende der 1990er-Jahre wurden viele dieser Strukturen jedoch zurückgebaut. An ihre Stelle trat ein wachsendes Vertrauen in globale Märkte und effiziente Logistiksysteme. Heute existieren zwar weiterhin staatliche Reserven, doch auf kommunaler Ebene liegt der Fokus weniger auf Lagerhaltung als auf Koordination und Krisenmanagement.
Für die Stadtplanung ergibt sich daraus eine neue Aufgabe: nicht die direkte Versorgung, sondern die Gestaltung resilienter Systeme. Dazu gehört die Förderung lokaler Lebensmittelproduktion, etwa durch Urban Gardening, Gemeinschaftsgärten oder Dachgewächshäuser. Solche Ansätze können zwar keine vollständige Versorgung gewährleisten, erhöhen aber die Robustheit und Anpassungsfähigkeit städtischer Ernährungssysteme. Ebenso wichtig ist die Sicherung funktionierender Infrastrukturen – von Energie über Wasser bis hin zur Logistik. Ergänzt wird dies durch soziale Netzwerke auf Quartiersebene, die im Krisenfall schnelle und solidarische Unterstützung ermöglichen. Stadtplanung wird damit zu einem zentralen Baustein, um Versorgung nicht nur effizient, sondern auch krisenfest zu gestalten.
Fazit
Die Sicherstellung der Lebensmittelversorgung in Krisenzeiten ist heute eine gemeinsame Aufgabe. Individuelle Notvorräte können kurzfristige Engpässe überbrücken und geben Handlungssicherheit. Gleichzeitig braucht es resiliente städtische Strukturen, die Versorgungssysteme stabilisieren und im Ernstfall handlungsfähig bleiben. Während früher stärker auf zentrale Vorratshaltung gesetzt wurde, liegt der Fokus heute auf einem Zusammenspiel aus Eigenvorsorge, funktionierenden Märkten und strategischer Planung. Gerade Städte spielen dabei eine Schlüsselrolle: Sie können Rahmenbedingungen schaffen, die lokale Produktion fördern, Infrastrukturen sichern und Gemeinschaft stärken. Ein gut geplanter Notvorrat ist somit nicht nur eine private Vorsorgemaßnahme, sondern Teil eines größeren Ganzen – einer widerstandsfähigen Stadt.
Quellen
Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (2026): Essen und Trinken bevorraten. https://www.bbk.bund.de/DE/Warnung-Vorsorge/Vorsorge/So-koennen-Sie-sich-vorbereiten/Bevorraten/bevorraten_node.html#vt-sprg-4
Bundeszentrale für Ernährung (2023): Lebensmittel auf Vorrat. Empfehlungen und Tipps für den Notfall. https://www.bzfe.de/presse/pressemeldungen-archiv-2024-und-frueher/lebensmittel-auf-vorrat
Komparative Vorteile versus lokale Resilienz?
Was das EU-Mercosur-Abkommen für die urbane Lebensmittelproduktion in Europa bedeutet
Dieser Beitrag beruht teilweise auf einem Beitrag der Bundeszentrale für politische Bildung.

Das EU–Mercosur-Abkommen gilt als geopolitisches Großprojekt. Daraus erwachsen vor allem Fragen für die heimische Landwirtschaft, auch für die urbane Landwirtschaft. Vor diesem Hintergrund sollen mögliche vorteilhafte und negative Implikationen beleuchtet werden, um notwendige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Umsetzung zu formulieren.
Einführung
Die Verhandlungen zwischen der Europäische Union und dem südamerikanischen Staatenverbund Mercosur reichen bis in die späten 1990er Jahre zurück. Ziel war von Beginn an, eine der größten Freihandelszonen weltweit zu schaffen. Nach jahrelangen Unterbrechungen wurde 2019 eine politische Einigung erzielt; seither folgten Nachverhandlungen zu Umwelt- und Nachhaltigkeitsfragen. Anfang 2026 befindet sich das Abkommen in der Ratifizierungsphase: Rat und Europäisches Parlament haben grundsätzlich zugestimmt, während in mehreren Mitgliedstaaten noch nationale Verfahren laufen. Parallel prüft der Europäischer Gerichtshof, ob es sich um ein reines EU-Abkommen handelt oder die Zustimmung aller nationalen Parlamente erforderlich ist – eine Entscheidung, die den weiteren Zeitplan maßgeblich beeinflussen dürfte. Aktuell gewinnt das Abkommen neue Brisanz: Geopolitische Spannungen, gestörte Lieferketten und die Suche nach strategischer Unabhängigkeit verleihen dem Projekt neue Priorität.
Der Mercosur – 1991 von Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay gegründet – versteht sich als gemeinsamer Markt zur wirtschaftlichen Integration Südamerikas. Venezuela trat später bei, wurde jedoch wieder suspendiert; Bolivien gehört seit 2024 formal dazu, ist jedoch noch nicht vollständig in das EU-Abkommen eingebunden. Mit mehr als 260 Millionen Menschen bildet der Zusammenschluss einen der größten Wirtschaftsräume weltweit. Das Handelsvolumen lag zuletzt bei über 100 Milliarden Euro jährlich, wobei Brasilien den Großteil ausmacht.
Regelungsbereich des Abkommens
Kern des Vertrags ist der schrittweise Wegfall von Zöllen auf den Großteil aller gehandelten Waren. Damit sollen Handelsbarrieren reduziert und Investitionen erleichtert werden. Die EU verfolgt dabei mehrere Ziele wie die Diversifizierung von Lieferketten und damit geringere Abhängigkeiten sowie die Stärkung europäischer Exporte nach Lateinamerika. Die EU-Kommission erwartet deutliche Exportzuwächse für europäische Unternehmen und langfristig positive Beschäftigungseffekte.
Im Gegenzug öffnen sich europäische Märkte stärker für südamerikanische Agrarprodukte – insbesondere Rindfleisch, Geflügel, Zucker und Soja. Für Rindfleisch ist ein begrenztes zollvergünstigtes Kontingent vorgesehen, das nur einen kleinen Anteil der europäischen Gesamtproduktion ausmacht. Zusätzlich enthält das Abkommen Schutzklauseln: Sollten Importe zu starken Marktverwerfungen führen, können Zölle zeitweise wieder angehoben werden.
Umweltpolitisch verpflichtet der Vertrag beide Seiten zur Einhaltung des Pariser Klimaabkommen. Dennoch bleibt die Frage, ob diese Verpflichtungen ausreichen, um Entwaldung und ökologische Schäden effektiv zu begrenzen.
Implikationen für die urbane Lebensmittelproduktion
Kritik und Risiken
Landwirtschaftliche Verbände in Europa warnen vor Wettbewerbsnachteilen. Niedrigere Umwelt-, Tierwohl- und Sozialstandards in Teilen Südamerikas könnten Produktionskosten senken und Preisdruck erzeugen. Proteste in mehreren EU-Staaten zeigen, wie sensibel das Thema ist. Umweltorganisationen befürchten, dass steigende Exporte von Fleisch und Futtermitteln zusätzliche Rodungen im Amazonasgebiet begünstigen könnten. Auch der Einsatz bestimmter Pestizide und Antibiotika, die in der EU verboten sind, wird kritisch gesehen. Gewerkschaften verweisen auf Defizite bei der Umsetzung internationaler Arbeitsnormen, etwa der International Labour Organization. Für urbane Landwirtschaft ergibt sich daraus ein indirekter Druck: Wenn großflächige Agrarimporte günstiger werden, verstärkt dies die Konkurrenz um Marktanteile im konventionellen Lebensmittelbereich.
Chancen und Ergänzungen
Gleichzeitig ist urbane Landwirtschaft strukturell anders aufgestellt. Sie produziert vor allem: frisches Gemüse, Kräuter, Spezialkulturen und lokal vermarktete Nischenprodukte. Flächenintensive Güter wie Soja oder Rindfleisch gehören nicht zu ihrem Profil. Hier greifen komparative Vorteile: Südamerika verfügt über große landwirtschaftliche Flächen und klimatische Bedingungen für extensive Produktion. Europäische Städte hingegen bieten eine große Nachfrage nach Lebensmitteln sowie Innovationsräume für nachhaltige Produktionsformen.
Freihandel kann daher die Versorgung mit Rohstoffen sichern, während urbane Lebensmittelproduktion kurze Lieferketten, Frische und soziale Mehrwerte bietet. Zudem gewinnt in vielen Städten eine stärker pflanzenbasierte Ernährung an Bedeutung – was urbane Produktionsformen begünstigt. Urbane Lebensmittelproduktion erfüllt außerdem Funktionen, die über reine Mengenproduktion hinausgehen: Bildungsarbeit, soziale Integration, ökologische Innovation und Stärkung lokaler Wertschöpfung. In diesem Sinne konkurriert sie weniger mit globalen Märkten, als dass sie das Ernährungssystem ergänzt.
Notwendige Voraussetzungen für faire Umsetzung
1.
Nutzung komparativer Vorteile - aber differenziert
Globale Handelsstrukturen sollten sich auf jene Produkte konzentrieren, für die in Südamerika tatsächlich klare Standortvorteile bestehen – also Kulturen, die dort klimatisch besonders günstig wachsen oder große Flächen erfordern, während ihre Produktion in Europa ökologisch oder ökonomisch deutlich aufwendiger wäre. Komparative Vorteile dürfen nicht pauschal behauptet, sondern müssten an Nachhaltigkeitskriterien gebunden werden. Das bedeutet: Exportförderung vor allem dort, wo natürliche Wachstumsbedingungen gegeben sind und keine zusätzlichen ökologischen Schäden – etwa durch Entwaldung – entstehen. Im Gegenzug könnten europäische Städte gezielt frische, arbeitsintensive und wertschöpfungsstarke Produkte fördern, bei denen Nähe zum Markt einen klaren Vorteil darstellt.
2.
Verbindliche Nachhaltigkeitskontrollen
Die Verpflichtungen aus dem Pariser Klimaabkommen müssen nicht nur deklaratorisch bleiben, sondern durch ein engmaschiges Monitoring-System begleitet werden. Konkret könnten unabhängige Prüfmechanismen, satellitengestützte Entwaldungskontrollen sowie transparente Lieferkettennachweise eingeführt oder ausgebaut werden. Zudem sollten klare Sanktionsmöglichkeiten vorgesehen sein, wenn Umwelt- oder Sozialstandards systematisch verletzt werden. Nur wenn Verstöße handelspolitische Konsequenzen haben – etwa temporäre Aussetzung von Zollvergünstigungen –, entsteht eine glaubwürdige Steuerungswirkung.
3.
Stärkung urbaner Resilienz
Gerade vor dem Hintergrund eines umfassenden Handelsabkommens wie Mercosur gewinnt urbane Lebensmittelproduktion eine strategische Bedeutung: Sie reduziert nicht die globale Einbindung, aber sie schafft lokale Ausgleichsmechanismen gegenüber Preisschwankungen oder Lieferkettenrisiken. Kommunen können durch Flächensicherung, Integration in Bebauungspläne oder gezielte Förderprogramme urbane Produktion langfristig absichern. Damit wird urbane Landwirtschaft zu einem Element städtischer Vorsorgepolitik – nicht als Ersatz für Importe, sondern als stabilisierende Ergänzung in einem stärker liberalisierten Agrarmarkt.
4.
Förderung regionaler Kreisläufe
Auch innerhalb eines Freihandelsregimes sollten regionale Wertschöpfungsketten aktiv gestärkt werden, etwa durch öffentliche Beschaffung, die lokale Produkte bevorzugt, oder durch Unterstützung solidarischer Landwirtschaftsmodelle im Stadtumland. Ziel wäre eine funktionale Arbeitsteilung: globale Märkte für Rohstoffe und Massenprodukte, regionale und urbane Systeme für Frische, Innovation und soziale Einbindung. So wird Handel nicht zur Verdrängung lokaler Strukturen, sondern zu deren Ergänzung.
5.
Politische Kohärenz
Entscheidend ist eine stärkere Verzahnung von Handelsabkommen mit urbaner Entwicklungs- und Ernährungspolitik. Konkret bedeutet das: Folgenabschätzungen von Handelsverträgen sollten systematisch städtische Ernährungssysteme berücksichtigen; gleichzeitig könnten EU-Förderinstrumente für nachhaltige Stadtentwicklung (etwa im Rahmen von Struktur- oder Innovationsfonds) gezielt urbane Landwirtschaft unterstützen. Durch solche Kopplungen wird verhindert, dass Freihandel und lokale Nachhaltigkeitsziele nebeneinanderherlaufen – stattdessen können sie strategisch aufeinander abgestimmt werden.
Fazit
Das EU–Mercosur-Abkommen steht für wirtschaftliche Öffnung, geopolitische Positionierung und strategische Diversifizierung. Urbane Lebensmittelproduktion steht hingegen für lokale Resilienz, Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Transformation. Dennoch müssen sich beide Modelle nicht per se ausschließen. Richtig gestaltet, kann Freihandel die materielle Basis sichern, während urbane Lebensmittelproduktion soziale und ökologische Innovationen vorantreibt. Entscheidend ist, dass Nachhaltigkeitsstandards verbindlich bleiben und urbane Räume als eigenständige Produktions- und Gestaltungsorte anerkannt werden. Die Zukunft liegt weniger im Entweder-oder als vielmehr im klugen Zusammenspiel verschiedener Maßstabsebenen.
Quelle
Bundeszentrale für politische Bildung (2026): Das EU-Mercosur-Abkommen. https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/574931/das-eu-mercosur-abkommen/
Gras in der Stadt?!
Was die Cannabisgesetzgebung für die Stadtplanung und
Lebensmittelproduktion bedeutet

Die Stadtplanung ist von der neuen Cannabisgesetzgebung betroffen. Neue Produktionsformen, Schutzabstände und Genehmigungspflichten verändern die Bauleitplanung. Umso wichtiger ist es, zu differenzieren zwischen Cannabis und Lebensmitteln. Gleichzeitig bestehen Parallelen zur urbanen Lebensmittelproduktion. Das wirft die Frage auf, wie regulierte Produktion im urbanen Raum künftig geplant, gesteuert und ermöglicht werden kann.
Einführung
Mit der Einführung des Cannabisgesetzes (CanG) im Jahr 2024 ist der Anbau von Cannabis in deutschen Städten grundsätzlich erlaubt. Damit hat sich nicht nur die Drogenpolitik in Deutschland grundlegend verändert, sondern es sind bereits erste räumliche und planungsrechtliche Folgen dieser Gesetzgebung zu erkennen. Dieses Bundesgesetz fordert Städte in neuartiger Art und Weise dazu auf, sich konkret mit neuen Nutzungsarten, Genehmigungsverfahren und Tabuzonen auseinanderzusetzen.
Cannabis-Anbauvereinigungen, ihre Anbauflächen und Vereinsräume sind neue Akteure im Stadtraum. Sie passen weder eindeutig in klassische Kategorien von Gewerbe, Landwirtschaft noch Gemeinbedarf. Damit wird die Bauleitplanung zu einem zentralen Instrument der Umsetzung. Die Cannabisgesetzgebung wirkt somit als Katalysator für eine neue planerische Auseinandersetzung mit regulierten, sensiblen Produktionsformen im urbanen Raum.
(Planungs-) Rechtliche Einordnung von Cannabis und Abgrenzung von urbaner Lebensmittelproduktion
Das Konsumcannabisgesetz (KCanG) als Teil des CanG schafft bewusst eine eigenständige Rechtskategorie. Cannabis ist weder Lebensmittel noch Arzneimittel, sondern „Konsumcannabis“ mit spezifischen Schutz- und Kontrollzielen. Während Lebensmittelrecht auf Hygiene, Verbraucherschutz und Marktverkehr ausgerichtet ist, stehen beim Cannabisrecht Jugendschutz, Missbrauchsprävention und Standortkontrolle im Vordergrund. Cannabis-Anbauvereinigungen unterliegen sonach nicht dem Lebensmittelrecht, sondern einem eigenen Genehmigungs- und Aufsichtsregime.
Für die Stadtplanung heißt das, dass Anbauhallen oder Vereinsräume nicht wie urbane Landwirtschaft oder Lebensmittelproduktion behandelt werden dürfen. Zwar unterliegen auch Gewächshäuser und Formen urbaner Landwirtschaft Abstands- und Genehmigungsanforderungen. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in der Schutzrichtung der Regulierung: Während Abstände bei landwirtschaftlichen Nutzungen primär dem Nachbarschafts- und Immissionsschutz dienen, sind sie beim Cannabis-Anbau normativ begründet und zielen auf Jugend- und Gesundheitsschutz ab. Damit wird Cannabis-Anbau planungsrechtlich nicht nur als bauliche, sondern als gesellschaftlich regulierte Nutzung behandelt.
Kriterium
Rechtskategorie
Schutzinteresse
Abstände
Abwägung
Zielrichtung
Beispiele
Urbane Landwirtschaft
Landwirtschaft / Gewerbe / Gemeinbedarf
Umwelt, Nachbarschaft
funktional / technisch bedingt
einzelfallbezogen
Ermöglichung
Abstand wegen Verschattung
Lichtemissionen aus Gewächshäusern
Einfügung in Orts- und Landschaftsbild
Cannabis-Anbau
Sondernutzung nach KCanG
Jugend, Gesundheit, Ordnung
normativ / sozial bedingt
stark vorstrukturiert
Kontrolle und Begrenzung
Abstände zu Schulen und Kitas
Tabuzonen unabhängig von Emissionen
Standortprüfung immer notwendig
Eine bundesweite Übersicht über Cannabis-Anbauflächen existiert bislang nicht. Die Anlagen sind überwiegend klein bis mittelgroß, technisch hochgerüstet und räumlich abgeschottet. Mit einem Gesamtflächenbedarf von meist wenigen hundert Quadratmetern unterscheiden sie sich deutlich von urbaner Landwirtschaft – nicht durch ihre Größe, sondern durch ihre regulatorische und räumliche Logik.
Parallelen zur urbanen Landwirtschaft und Bedeutung für die Stadtplanung
Trotz dieser Abgrenzung gibt es auffällige Parallelen zwischen Cannabis-Anbau und urbaner Landwirtschaft. Beide sind Formen lokaler Produktion, oft kleinteilig organisiert, mit gesellschaftlicher, sozialer oder gesundheitspolitischer Zielsetzung. Beide stellen zudem klassische Planungskategorien infrage.
Auch urbane Landwirtschaft passt häufig nicht eindeutig in bestehende Baugebietstypen. Gemeinschaftsgärten, Indoor-Farming oder Bildungsfarmen bewegen sich zwischen Freizeitnutzung, Landwirtschaft, Gemeinbedarf und Gewerbe. Die Umsetzung der Cannabisgesetzgebung zeigt, wie schnell neue Nutzungen planerisch problematisch werden, wenn sie erst im Genehmigungsfall bewertet werden. Fehlende Kategorien, unklare Zuständigkeiten und nachträglich wirksame Schutzabstände führen zu Rechtsunsicherheit und Nutzungskonflikten. Diese Erfahrungen sind auch für urbane Landwirtschaft relevant, sobald sie über projektartige Zwischennutzungen hinausgeht.
Ein zentraler Unterschied bleibt jedoch: Während urbane Landwirtschaft politisch meist gefördert wird, begegnet man Cannabis-Anbau mit Misstrauen und Vorsorge. Diese unterschiedliche Bewertung prägt die planerischen Instrumente – Schutzabstände, Tabuzonen und restriktive Genehmigungen auf der einen, Ermöglichungsstrategien auf der anderen Seite. Gerade aus dieser restriktiven Umsetzung lassen sich wertvolle Lehren für die Förderung urbaner Lebensmittelproduktion ziehen.
1.
Rechtssicherheit durch Nutzungsdefinition
Das Cannabisgesetz zeigt, wie wichtig es ist, neue Nutzungen eindeutig zu benennen. Für urbane Lebensmittelproduktion fehlt diese Klarheit oft. Kommunen könnten – analog zu Cannabis-Anbauvereinigungen – eigene Kategorien oder Sondergebiete für urbane Lebensmittelproduktion schaffen.
2.
Standortsteuerung statt Pauschalverbote
Cannabis darf nicht überall angebaut oder konsumiert werden. Dieses Prinzip lässt sich umkehren, so dass Städte gezielt geeignete Flächen für urbane Landwirtschaft ausweisen könnten, statt sie implizit zu verdrängen.
3.
Produktion und Öffentlichkeit im Einklang
Die Erfahrungen aus der Cannabisregulierung verdeutlichen den Nutzen klarer Nutzungszuordnungen für die Rechtssicherheit. Für die urbane Lebensmittelproduktion sollte dieses Prinzip jedoch nicht in Abschottung münden, sondern in einer bewussten planerischen Kombination von Produktion, Bildung und Öffentlichkeit.
4.
Bauleitplanung als Steuerungsinstrument
Die Cannabisgesetzgebung bedeutet für Kommunen, ihre Bebauungspläne zu überprüfen und anzupassen. Diese Dynamik könnte genutzt werden, um gleichzeitig urbane Landwirtschaft planungsrechtlich zu stärken, statt sie nur als Ausnahme zu behandeln.
Fazit
Die Cannabisgesetzgebung verändert die deutsche Bauleitplanung merklicher, als es auf den ersten Blick scheint. Sie führt neue Nutzungsformen ein, macht Schutzinteressen räumlich sichtbar und zwingt Kommunen, sich aktiv mit Steuerung, Zulässigkeit und Ausschluss auseinanderzusetzen.
Auch wenn Cannabis kein Lebensmittel ist, eröffnet seine Regulierung wichtige Perspektiven für den Umgang mit urbaner Produktion insgesamt. Wer aus den bisherigen Erfahrungen lernt, kann Bauleitplanung künftig nicht nur als Kontrollinstrument, sondern als Gestaltungswerkzeug für resiliente, lokale und gemeinwohlorientierte Versorgungssysteme nutzen. Gerade in Zeiten wachsender Bedeutung urbaner Ernährungssicherheit ist das eine Chance, die weit über die Cannabisdebatte hinausreicht.
Der Hunger der Stadt
Wie Hunger in Städten des globalen Südens, das Welternährungsprogramm und urbane Lebensmittelproduktion zusammenhängen

Das Welternährungsprogramm steht wie kaum eine andere Organisation für humanitäre Fürsorge und hilft Millionen Menschen gegen Hunger. Dabei ist Hunger heute zunehmend ein urbanes Phänomen. Ein Blick auf Städte im globalen Süden zeigt, warum Ernährungssicherheit neu gedacht werden muss – und welche Rolle urbane Lebensmittelproduktion dabei spielen kann.
Einführung
Beim Thema Hunger rückt das Welternährungsprogramm (englisch: World Food Programme, WFP) schnell in den Fokus. Als größte humanitäre Organisation im Bereich Ernährung steht es exemplarisch für internationale Fürsorge in Krisenzeiten. Seine Arbeit reicht von akuter Nothilfe bis zu langfristigen Maßnahmen zur Stabilisierung von Ernährungssystemen. Die vielfältigen Aktivitäten verweisen im Übrigen darauf, dass Hunger kein fernes oder punktuelles Problem ist, sondern ein strukturelles Merkmal globaler Entwicklungen.
Übersicht über das Welternährungsprogramm
Das Welternährungsprogramm wurde 1961 gegründet und ist ein Programm der Vereinten Nationen mit Sitz in Rom. Es finanziert sich nahezu vollständig über freiwillige Beiträge von Staaten, Institutionen und privaten Spendenzuwendungen. Das Mandat ist Hunger zu bekämpfen, Leben zu retten und Ernährungssicherheit zu fördern. 2020 gewann es dafür auch den Friedensnobelpreis. Weitere Kennzahlen:
120 Länder
Denen die Hilfe zu Gute kommt und dort rund 110 Millionen Menschen erreicht
13 Mrd. $
Werden für das Jahr 2026 benötigt, um den Aufgaben nachzukommen
22 k Beschäftigte
Von denen rund 77 % vor Ort eingestellt werden
Die Arbeit des Welternährungsprogramm umfasst ein breites Spektrum: Nahrungsmittelhilfe in Konflikten und Naturkatastrophen, Schulernährungsprogramme, Maßnahmen zur Erhöhung der Resilienz in klimatisch gefährdeten Regionen sowie Cash- und Gutscheinprogramme, die Menschen den Zugang zu lokalen Märkten ermöglichen. Eine besondere Rolle spielt die Logistik. Mit einer der größten humanitären Lieferketten weltweit ist das Welternährungsprogramm häufig die infrastrukturelle Grundlage internationaler Hilfe. In Zahlen umfasst das unter anderem:
5.000 Lkw
20 Schiffe
80 Flugzeuge
In den letzten Jahren hat sich der Ansatz des Welternährungsprogramms spürbar gewandelt. Statt ausschließlich Lebensmittel zu verteilen, setzt die Organisation zunehmend auf marktbasierte Instrumente. Ernährungssicherheit wird damit nicht nur als Frage der Versorgung, sondern auch als Frage von Einkommen, Preisen und Zugang verstanden – ein Perspektivwechsel, der besonders für Städte von Bedeutung ist. [1]
Hunger im urbanen Raum des globalen Südens: eine wachsende Realität
Der globale Süden erlebt eine rasante Urbanisierung. Millionen Menschen ziehen jedes Jahr in Städte, oft in der Hoffnung auf Arbeit, Bildung und bessere Lebensbedingungen. Doch urbane Armut wächst vielerorts schneller als die städtische Infrastruktur. Informelle Siedlungen, prekäre Beschäftigung und fehlende soziale Sicherungssysteme prägen den Alltag vieler Menschen.
Hunger in Städten unterscheidet sich dabei jedoch grundlegend von Hunger in ländlichen Räumen. Urbane Haushalte produzieren ihre Lebensmittel kaum selbst und sind damit nahezu vollständig auf Märkte angewiesen. Steigende Preise, Einkommensverluste oder unterbrochene Lieferketten führen daher unmittelbar zu Ernährungsunsicherheit. Krisen wie die COVID-19-Pandemie oder globale Preissteigerungen haben diese Verwundbarkeit deutlich gemacht.
Für das Welternährungsprogramm bedeutet diese Entwicklung eine strategische Verschiebung: Städte werden zu zentralen Einsatzorten humanitärer Hilfe. Cash-Transfers, digitale Gutscheinsysteme und die Stabilisierung lokaler Märkte gewinnen an Bedeutung. Hunger wird damit als urbanes, systemisches Problem sichtbar – eng verknüpft mit Wohnungsfragen, Arbeitsmärkten und Stadtentwicklung.
Hilfe durch urbane Lebensmittelproduktion
In diesem Zusammenhang rückt auch die urbane Lebensmittelproduktion stärker in den Blick. Zwar ist sie kein Ersatz für komplexe Versorgungssysteme, doch sie kann eine wichtige ergänzende Rolle spielen. Urbane Gärten, Dachfarmen oder peri-urbane Landwirtschaft tragen zur Diversifizierung der Ernährung bei, verbessern den Zugang zu frischen Lebensmitteln und können Einkommen sichern – insbesondere für marginalisierte Gruppen.
Aus Sicht des Welternährungsprogramms ist urbane Landwirtschaft weniger ein eigenständiges Förderziel als vielmehr Teil eines größeren Ansatzes zur Steigerung der Resilienz von Ernährungssystemen. Sie kann Abhängigkeiten von volatilen Märkten reduzieren, soziale Netzwerke stärken und Ernährungssysteme lokal verankern. In Städten des globalen Südens, wo staatliche Versorgung lückenhaft sein kann, entsteht so ein Zusammenspiel aus formellen Hilfsstrukturen und informellen, lokalen Praktiken. Urbane Lebensmittelproduktion verweist damit auf ein grundlegendes Umdenken: Ernährungssicherheit ist nicht nur eine Frage globaler Lieferketten, sondern auch lokaler Handlungsspielräume.
Fazit
Das Welternährungsprogramm steht sinnbildlich für internationale Solidarität im Kampf gegen Hunger. Doch seine Arbeit macht auch deutlich, wie sehr sich die Geografie des Hungers verändert hat. Städte im globalen Süden sind heute zentrale Schauplätze von Ernährungsunsicherheit – und zugleich Orte möglicher Transformation.
Urbane Lebensmittelproduktion allein wird den Hunger nicht beenden. Doch sie ergänzt humanitäre und politische Maßnahmen um eine lokale, soziale Dimension. Wer über Hunger, Spenden und globale Verantwortung spricht, kommt daher nicht umhin, Städte als Schlüsselräume der Ernährungspolitik zu begreifen.
Quellen
[1] Webseite des World Food Programme (2025). https://de.wfp.org/
Trockene Städte, nasse Felder
Wie das europäische Gießkannenprinzip Milliarden verteilt und die urbane
Lebensmittelproduktion leer ausgeht

Die Umsetzung der Gemeinsame Agrarpolitik ist historisch betrachtet der größte Posten aller Ausgaben der Europäischen Union. Die Verteilung dieser Milliardenbeträge basiert auf verschiedenen Zielen und Kriterien, die zentrale europäische Prinzipien fördern. Dass die urbane Lebensmittelproduktion davon jedoch nicht profitiert, hat verschiedene Ursachen. Jedoch gibt es begründete Überlegungen, die Verteilung der Gelder in Zukunft neu zu bewerten.
Hintergrund
1962 wurde die Gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union eingeführt. Sie soll weiterhin dafür sorgen, dass Lebensmittel bezahlbar bleiben und die Versorgung gesichert ist. Außerdem soll sie Landwirten ein gutes Einkommen ermöglichen und die Entwicklung ländlicher Regionen unterstützen. Auch der Klimaschutz ist ein Ziel der GAP, wird aber oft kontrovers diskutiert. Als Grund für die hohen öffentlichen Ausgaben wird angeführt, dass Landwirtschaft im öffentlichen Interesse liegt und stärker als andere Bereiche von Wetter und Klima beeinflusst wird. [1]
Aufbau der Gemeinsamen Agrarpolitik
Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) fügt sich in den jeweiligen mehrjährigen Finanzrahmen der Europäischen Union ein, der sich in der Regel über sieben Jahre erstreckt (aktuelle Periode: 2021 – 2027). Im Wesentlichen gibt es zwei sogenannte Säulen, über die die Gelder verteilt werden. Die erste Säule der GAP sind die Direktzahlungen, die über den Europäischen Garantiefonds für die Landwirtschaft (EGFL) buchstäblich direkt an die Landwirt:innen als Einkommensunterstützung gezahlt werden. Sie beinhaltet außerdem Marktmaßnahmen, mit der schwierige Marktsituationen, zum Beispiel ein kurzfristiger Preisverfall aufgrund eines Überangebots entsteht sowie sektorale Stützmaßnahmen für bestimmte Branchen wie den Obst-/Gemüse- oder Weinanbau. Die zweite Säule der GAP umfasst Maßnahmen und Programme, die der Entwicklung des ländlichen Raums dienen sollen und über den Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) finanziert werden. [1]
Die GAP in Zahlen:
387 Mrd. €
Gesamtbudget für die Förderperiode 2021 - 2027
291 Mrd. €
Für die 1. Säule der GAP
(Europäischer Garantiefonds für die Landwirtschaft EGFL)
96 Mrd. €
Für die 2. Säule der GAP
(Europäischer Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums ELER)
Die Bedeutung der GAP für Deutschland
Wie in vielen anderen EU-Ländern hängt auch in Deutschland das Einkommen der Landwirte stark von den Direktzahlungen ab. Sie bleiben daher eine wichtige Einnahmequelle. Jährlich werden in Deutschland rund 6,3 Milliarden Euro aus der GAP bereitgestellt [2]. Die Förderung betrifft etwa 40 Millionen Menschen, und rund 300.000 landwirtschaftliche Betriebe stellen dafür Anträge. Seit 2023 sind fast alle EU-Mitgliedsstaaten verpflichtet, sogenannte Strategiepläne zu erstellen. Diese Pläne sollen ein nachhaltiges und widerstandsfähiges Agrar- und Ernährungssystem fördern. Der deutsche GAP-Strategieplan wird ständig weiterentwickelt und mit den Plänen der Bundesländer abgestimmt. Die Bundesländer sind außerdem dafür zuständig, die EU-Mittel an die Betriebe auszuzahlen. [3,4]
Die (fehlende) Bedeutung der GAP für die urbane Lebensmittelproduktion
Im deutschen GAP-Strategieplan mit 2.130 Seiten kommt das Wort „urban“ nur dreimal vor – jeweils im Zusammenhang mit dem Ausgleich zwischen städtischen und ländlichen Räumen, den die GAP durch die einseitige Förderung des ländlichen Raums unterstützen will. Die Förderung des ländlichen Raums ist sinnvoll und Teil der übergeordneten Ziele der Europäischen Union, die hier nicht in Frage gestellt werden. Allerdings führt diese klare Trennung zwischen städtisch und ländlich dazu, dass urbane Lebensmittelproduktion oft doppelt von den wichtigen GAP-Förderungen ausgeschlossen ist. Dadurch entsteht für städtische Produzenten ein gewisser Wettbewerbsnachteil, der die ohnehin hohen Investitions- und Betriebskosten in Städten zusätzlich verschärft.
Warum urbane Produktion ausgeschlossen wird:
- Direktzahlungen hängen von der Betriebsgröße ab. In der Regel müssen Betriebe mindestens einen Hektar Fläche bewirtschaften, und die Förderung wird pro Hektar berechnet. Kleinere, oft flächeneffizientere urbane Projekte fallen deshalb meist durch das Raster.
- Die 2. Säule der GAP richtet sich auf die Entwicklung ländlicher Räume. Alles, was in Städten produziert wird, wird hier automatisch ausgeschlossen
Die (vorhandene) Bedeutung der urbanen Lebensmittelproduktion für die GAP
1.
Stärkung resilienter Ernährungssysteme
- Räumliche Diversifizierung der Produktion: Stadt und Land gemeinsam denken, statt sich nur auf das Land zu konzentrieren
- Nähe von Produktion und Konsum: Stabilere Versorgung in Krisenzeiten durch räumliche Nähe
2.
Förderung von Innovation
- Neue Anbaumethoden und kontinuierliche Verbesserung: Vertical Farming, Aqua- und Hydronik etc.
- Digitale Technologien: Sensorik und Automatisierung
- Ressourceneffizientere Produktionssysteme
3.
Erhöhung der gesellschaftlichen Akzeptanz
- Urbane Lebensmittelproduktion macht Landwirtschaft in Städten sichtbar
- Kann Verständnis und Rückhalt für landwirtschaftliche Förderung erhöhen
Fazit
Die bisherige Ausrichtung der Gemeinsamen Agrarpolitik der Europäischen Union verpasst die Chance, innovative Ansätze der Lebensmittelproduktion auch außerhalb des ländlichen Raums zu fördern und damit ein eigentlich beabsichtigtes resilienteres Agrar- und Ernährungssystem aufzubauen. Mit dem bisherigen finanziellem Spielraum im Rahmen der GAP und den beständigen Verteilungsfragen, könnte ein Förderschwerpunkt auf Innovationen im urbanen Raum nicht nur die Diskussion, sondern auch die tatsächliche Nachhaltigkeit des europäischen Ernährungssystems bereichern.
Quellen
[1] Europäische Kommission (2025): Die Gemeinsame Agrarpolitik auf einen Blick. https://agriculture.ec.europa.eu/common-agricultural-policy/cap-overview/cap-glance_de
[2] Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (2025): Im Überblick: Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union. https://www.bmleh.de/DE/themen/landwirtschaft/eu-agrarpolitik-und-foerderung/gap/gap_node.html
[3] Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (2025): GAP-Strategieplan für die Bundesrepublik Deutschland. https://www.bmleh.de/DE/themen/landwirtschaft/eu-agrarpolitik-und-foerderung/gap/gap-strategieplan.html
[4] GAP-Strategieplan für die Bundesrepublik Deutschland. https://www.bmleh.de/SharedDocs/Downloads/DE/_Landwirtschaft/EU-Agrarpolitik-Foerderung/gap-strategieplan-version-6-1.pdf?__blob=publicationFile&v=2
Wie Ernährungs(un)sicherheit international
erfasst wird
Und wie urbane Lebensmittelproduktion helfen kann
Dieser Beitrag beruht auf Veröffentlichungen der IPC (Website und Publikation).

Es ist und bleibt ein dramatischer Umstand, dass Millionen Menschen weltweit Hunger leiden. Vor diesem ernsten Hintergrund hat es sich eine internationale Initiative zur Aufgabe gemacht, eine weltweit einheitliche Ernährungsanalyse aufzubauen und regelmäßig über aktuelle Entwicklungen zu berichten. Hunger ist ein globales Phänomen, dessen Bewältigung auch in Städten zu einer über-
lebenswichtigen Herausforderung geworden ist. In diesem Zusammenhang erscheint urbane Lebensmittelproduktion als ein
naheliegender Teil der Lösung.
Einführung
Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) schätzt, dass 2024 zwischen 638 und 720 Millionen Menschen Hunger erleiden. Mehr als 100 Millionen Menschen davon sind sehr ernsthaft von großer Ernährungsunsicherheit betroffen. Unausweichlich sind hiervon auch Städte und deren Bevölkerung darin eingeschlossen. Um Entscheidungen für mehr Ernährungssicherheit global und regional fundierter treffen zu können, bietet dafür die Integrierte Klassifizierung der Ernährungssicherheit (IPC, engl. Integrated Food Security Phase Classification) wichtige Datengrundlagen.
Hintergrund der IPC
Die IPC hat sich als globale Initiative das Ziel gesetzt, mittels Ernährungsanalyse verbesserte Entscheidungen auf Grundlage international anerkannter Standards über das Thema Ernährungssicherheit zu ermöglichen. Unter anderem sind auch die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) und das Welternährungsprogramm (WFP) Teil der IPC, die neben diesen internationalen Organisationen auch Regierungen und regionale Gremien vernetzt. Als wesentlich wird die Einteilung von Regionen weltweit in das nachfolgende Kategoriensystem erachtet.
Stufen der Ernährungssicherheit
1.
Ernährungssicherheit
- Menschen sind in der Lage grundlegende Bedürfnisse an Lebensmitteln (auch an Nicht-Lebensmitteln) zu decken und müssen nicht auf untypische Strategien für die Beschaffung von Lebensmitteln oder dem dafür notwendigen Einkommen setzen
- Priorität: Maßnahmen zum Ausbau der Resilienz dieses Zustands forcieren, um Risiken zu vermeiden
2.
Hunger
- Menschen sind in der Lage einen minimal ausreichenden Konsum von Lebensmitteln ohne untypische Beschaffungsstrategien vorzunehmen, aber verfügen nicht über ausreichend Einkommen für Nicht-Lebensmittel
- Priorität: Maßnahmen zur Katastrophenvorsorge sowie zum Schutz der Lebensgrundlagen ergreifen
3.
Akuter Hunger
- Menschen sind in der Lage einen minimal ausreichenden Konsum von Lebensmitteln ohne untypische Beschaffungsstrategien vorzunehmen, aber verfügen nicht über ausreichend Einkommen für Nicht-Lebensmittel
- Priorität: Maßnahmen zur Katastrophenvorsorge sowie zum Schutz der Lebensgrundlagen ergreifen
4.
Extreme Unterernährung
- Menschen, die entweder a) große Lücken in der Nahrungsmittelaufnahme und folglich sehr hohe Unterernährung bei gleichzeitig überdurchschnittlicher Sterblichkeit erleiden oder die b) in der Lage sind, große Lücken an Lebensmitteln zu mildern, jedoch nur unter Einsatz von Notfallstrategien und die Veräußerung von Vermögenswerten
- Priorität: Leben und Lebensgrundlagen retten
5.
Hungersnot
- Menschen leiden unter extremen Mangel an Lebensmitteln und anderen Grundbedürfnissen, obwohl alle Bewältigungsstrategien ausgeschöpft wurden und Tod, Armut sowie extrem kritische Unterernährung sind gegenwärtig
- Priorität: Verhinderung von weit verbreitetem Sterben und dem totalen Zusammenbruch der Lebensgrundlagen
Dimensionen der Ernährungssicherheit und urbane Lebensmittelproduktion
In die Analyse der Regionen werden unter anderem Informationen zu Nahrungsmittelkonsum, Veränderungen von Lebensgrundlagen, Ernährungsstatus und Sterblichkeit einbezogen und mit vier wesentlichen Einflussfaktoren in lokalen Kontexten kombiniert. Um demnach präventiv tätig zu werden, können diese vier Einflussfaktoren oder nachfolgend als Dimensionen von Ernährungssicherheit gestärkt werden. In Städten kann dies durch den Einsatz von urbaner Lebensmittelproduktion gelingen.
A) Verfügbarkeit von Lebensmitteln
Urbane Lebensmittelproduktion erhöht die Menge an frischen Lebensmitteln, die direkt in der Stadt produziert werden. Dadurch stehen Obst, Gemüse und Kräuter regelmäßig und ohne lange Transportwege zur Verfügung.
B) Zugang zu Lebensmitteln
Urbane Landwirtschaft ermöglicht es Menschen nicht nur, selbst Lebensmittel anzubauen, sondern schafft auch neue lokale Märkte und Verteilstellen in der Stadt. Dadurch entstehen mehr Orte, an denen frische und bezahlbare Lebensmittel leicht zugänglich sind.
C) Nutzung von Lebensmitteln
Durch den Anbau von frischen Lebensmitteln, die mehr Nährstoffe enthalten als stark verarbeitete Lebensmittel, kann die urbane Lebensmittelproduktion eine gesunde und ausgewogene Ernährung fördern.
D) Stabilität der Lebensmittelversorgung
Lokale Produktion macht Städte weniger abhängig von globalen Lieferketten und Preisschwankungen. So bleibt die Ernährung auch in Krisenzeiten wie Pandemien oder Dürren tendenziell sicherer und stabiler.
Relevanz für Deutschland
Die Situation in Deutschland lässt sich nach den hier von der IPC vorgestellten Stufen klar in den Bereich der Ernährungssicherheit einordnen. Das macht dieses Thema aber keineswegs obsolet. Deutschland hat unter anderem durch die Ratifizierung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte sowie mit dem klaren Bekenntnis zu den globalen Nachhaltigkeitszielen (SDGs) ein ernstes Anliegen, um den Hunger weltweit zu beenden. In diesem Zusammenhang können globale Städtepartnerschaften zum Beispiel das Thema der urbanen Lebensmittelproduktion vertiefen und fördern oder in Deutschland getestete Beispiele der urbanen Lebensmittelproduktion in andere Städte mit hohen Bedarfen exportiert werden.
Fazit
Hunger zu beenden, bleibt eine der weltweit dringendsten Aufgaben und es gibt mit der IPC eine internationale Organisation die für dieses Thema wichtige Grundlagenarbeit leistet. Die konkreten Einflussfaktoren vor Ort gegen Krisensituationen ist primär in Zeiten von Hunger unausweichlich, aber auch in Zeiten von Ernährungssicherheit von großer Bedeutung für ein resilientes (städtisches) Ernährungssystem oder für Hilfe an den Orten in der Welt, die besonders betroffen sind.
Quellen
Webseite der IPC (https://www.ipcinfo.org/); IPC (o. J.): Understanding the IPC Scales.
Gutes Essen für Deutschland
Was die Ernährungsstrategie der Bundesregierung besagt - und wo die
Stadtplanung relevant wird
Dieser Beitrag basiert auf der "Ernährungsstrategie der Bundesregierung - Gutes Essen für Deutschland".

Die Ernährungsstrategie der Bundesregierung formuliert erstmals eine strategische Ausrichtung für das Thema Ernährung in Deutschland. Die Strategie proklamiert – ihrem Charakter immanent – allgemeine Zielvorstellungen für die Sicherstellung einer gesunden und nachhaltigen Ernährung in Deutschland. Auch wenn dort nicht unbedingt explizit, sind Bezüge zur Stadtplanung vorhanden und werden untenstehend deutlich gemacht.
Hintergrund
Mit dem Beschluss der Ernährungsstrategie der Bundesregierung am 17.01.2024 bekommt das Thema Ernährung in Deutschland erstmals eine eigene strategische Ausrichtung. Die Strategie dient zur Unterstützung der Menschen zu einer gesünderen und nachhaltigen Ernährung und erkennt dabei vollumfänglich an, dass alle über individuelle Freiheit beim Thema Essensgewohnheiten verfügen. Es geht ferner darum, einen Beitrag zur Umsetzung der Transformation hin zu ressourcen- und klimaschonenden Wirtschaften zu schaffen. Nachfolgend sind die Inhalte der Strategie dargestellt, jeweils ergänzt um den Aspekt der Stadtplanung, da dieser bisher nicht explizit erwähnt wird, aber dennoch eine wichtige Rolle spielt!
Vier Dimensionen (, die auch die Stadtplanung betreffen)
1. Individuelle/kulturelle Dimension
Die individuelle und kulturelle Dimension bedeutet, dass Ernährung sowohl eine persönliche Entscheidung ist als auch stark vom Umfeld beeinflusst wird. Deshalb ist es wichtig, Ernährungsumgebungen so zu gestalten, dass sie nicht nur das Bewusstsein, sondern auch das konkrete Handeln in Richtung einer gesunden und nachhaltigen Ernährung unterstützen.
Stadtplanung kann hier direkt Einfluss nehmen, indem sie beispielsweise die Lage von Supermärkten, Restaurants, Märkten und Werbeflächen im öffentlichen Raum gestaltet und so gesunde Optionen sichtbarer und erreichbarer macht.
2. Gesundheitliche Dimension
Die gesundheitliche Dimension zeigt sich darin, dass viele Menschen derzeit zu viel Zucker, Fett und Salz zu sich nehmen. Dies führt zu Übergewicht, Adipositas und anderen ernährungsbedingten Krankheiten, die hohe Kosten im Gesundheitssystem verursachen. Auch junge Menschen sind davon betroffen. Deshalb sollten Ernährung und Bewegung gemeinsam gedacht werden.
Stadtplanung kann dies fördern, indem sie nicht nur Krankenhäuser oder Arztpraxen über Bauleitpläne verortet, sondern auch vielfältige Orte für Bewegung, Sport und Freizeit in Wohn- und Arbeitsumgebungen integriert.
3. Ökologische Dimension
Die ökologische Dimension zeigt, dass das Ernährungssystem stark zur Umweltbelastung beiträgt. In Deutschland verursachen Ernährung und Landwirtschaft etwa ein Fünftel der Treibhausgasemissionen, weltweit bis zu einem Drittel. Das System ist zudem verantwortlich für Artensterben und rund 80 % der weltweiten Landnutzungsänderungen. Ökologischer Landbau steht unter hohem Erfolgsdruck, während tierische Produkte besonders große Flächen beanspruchen – 80 % der landwirtschaftlich genutzten Fläche, davon 67 % Gras- und Weideland. Eine pflanzenbetonte Ernährung und die Vermeidung von Lebensmittelabfällen entlang der gesamten Wertschöpfungskette sind daher wichtig. Laut der Welternährungsorganisation FAO verursachen Ernährung und damit verbundene Folgen für die Umwelt in Deutschland externe Kosten von rund 30 Mrd. Dollar pro Jahr; zusammen mit den Gesundheitskosten ergeben sich etwa 328 Mrd. Dollar pro Jahr, was etwas 7 % des Bruttoinlandsprodukts entspricht.
Stadtplanung kann Landnutzungsänderungen wesentlich mitgestalten, z. B. durch die Integration von Grünflächen, urbaner Landwirtschaft oder Flächen für ökologische Produktion.
4. Sozioökonomische Dimension
Die sozioökonomische Dimension zeigt, dass nicht alle Menschen Zugang zu ausreichender und gesundheitsfördernder Ernährung haben. Chancengleichheit ist oft nicht gegeben. Pandemien, Kriege und der Klimawandel verknappen zusätzlich das Lebensmittelangebot und belasten besonders einkommensschwache Haushalte.
Stadtplanung kann den Zugang zu Lebensmittelangeboten entscheidend verbessern, z. B. durch Nahversorgung, regionale Märkte oder gute Erreichbarkeit von Supermärkten und Ernährungsangeboten.
Vor dem Hintergrund dieser Ausgangslage formuliert die Ernährungsstrategie der Bundesregierung folgende Vision: „Unser Handeln ist auf Vorsorge statt auf Nachsorge ausgerichtet.“ (S. 14) Konkreter zielt die Mission des Bundes darauf ab, klima- und umweltfreundliche Innovationen zu fördern und dabei auch die Auswirkungen in anderen Ländern zu berücksichtigen. Der Bund sorgt dafür, dass die Maßnahmen mit den bestehenden Ernährungsstrategien der Länder abgestimmt sind, und betrachtet das gesamte Mehrebenensystem, also auch Länder und Kommunen, als verantwortlich für die Umsetzung.
Vier Schwerpunkte für gutes Essen (, die auch die Stadtplanung betreffen)
A) Gesundheitsförderliche und nachhaltige Ernährungsumgebungen
Da der Anteil von Obst, Gemüse und ökologischen Produkten in der Außer-Haus-Verpflegung (AHV) noch zu gering ist und regionale Verarbeitungs- und Vertriebsstrukturen fehlen, liegt ein Hebel bei den rund 40 Millionen Mahlzeiten pro Tag. Ziel ist es, bis 2030 einen Beitrag von 30 % ökologischem Landbau zu erreichen, Modellregionen für die „Ernährungswende in der Region“ zu entwickeln und regionale Wertschöpfungsketten, insbesondere für die AHV, auszubauen. Zusätzlich sind Forschungsprojekte notwendig, um höhere Selbstversorgungsgrade bei Gemüse, Obst, Nüssen und Hülsenfrüchten zu erreichen, begleitet von Umweltbilanzierungen.
Stadtplanung spielt hier eine Rolle, indem sie Orte für regionale Märkte, Gemeinschaftsgärten oder urbane Landwirtschaft plant und die Infrastruktur für kurze Lieferketten unterstützt.
B) Gesunde und nachhaltige Ernährungsmuster
Hier geht es um Aufklärung, Information, Bildung, Gesundheitsförderung, den Einsatz digitaler Angebote und Bewegung, um gesunde und nachhaltige Ernährungsmuster zu unterstützen.
Stadtplanung kann dies fördern, indem sie leicht zugängliche Orte für Bewegung, Sportflächen und Räume für Ernährungsbildung (z. B. Schulgärten, Bildungszentren) schafft.
C) Effiziente Strukturen und Prozesse
Ernährung ist ein Querschnittsthema, die Strukturen sind komplex. Wichtig ist, den inter- und transdisziplinären Austausch zu verbessern, um die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Bereichen zu stärken.
Stadtplanung kann effiziente Strukturen unterstützen, z. B. durch integrierte Planungsprozesse, die Ernährung, Mobilität, Nahversorgung und Grünflächen gemeinsam berücksichtigen und darüber hinaus Erfahrungswissen für fachübergreifende Zusammenarbeit weitergeben.
D) Kontinuierliche Forschung
Forschung bildet die Grundlage für die Politikgestaltung. Ernährungsforschung in Deutschland sollte ressortübergreifend sowie inter- und transdisziplinär erfolgen. Ab 2027 soll die Wirksamkeit der Ernährungsstrategie durch entsprechende Indikatoren überprüfbar sein.
Stadtplanung kann die Forschung unterstützen, indem sie Daten zu Ernährungsumgebungen, Erreichbarkeiten von Lebensmitteln und Nutzung von Freiflächen bereitstellt oder Praxisfelder für Forschungsprojekte anbietet.
Fazit
Eine neue Ernährungsweise ist angesichts der vielen Krisen notwendig und mit der Ernährungsstrategie der Bundesregierung wurde dafür ein wichtiger Schritt auf der politischen Ebene gemacht. Auch das Verständnis der Strategie als ein fortlaufender Lernprozess erweist sich vor dem Hintergrund der Komplexität und der Dynamik des Ernährungssystems als sinnvoll. Eine gesunde und nachhaltige Ernährung wird des Weiteren als eine Aufgabe verstanden, an der viele Bereiche beteiligt sind – Politik, Verwaltung, Wissenschaft, Wirtschaft, der Gesundheitssektor, die Zivilgesellschaft und letztlich auch die Menschen, die die Lebensmittel konsumieren. In diesem Zuge werden Ernährungsräte und das Konzept der „Essbaren Stadt“ ausdrücklich benannt.
Abgesehen davon lässt die Ernährungsstrategie der Bundesregierung die Stadt und die Stadtplanung aber eher vermissen. Daher musste in diesem Beitrag die Rolle der Stadtplanung ergänzt werden, denn sie kann einen wichtigen Beitrag für "Gutes Essen in Deutschland" leisten. Daher sollte ihre Rolle in diesem Themenfeld in Zukunft deutlich sichtbarer werden – eine Aufgabe, der sich
LEBENSMITTELtRAUM gerne annimmt.
Quelle
Bundesregierung (2024): Gutes Essen für Deutschland - Ernährungsstrategie des Bundes. Herausgegeben vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. https://www.bmleh.de/SharedDocs/Downloads/DE/_Ernaehrung/ernaehrungsstrategie-kabinett.pdf?__blob=publicationFile&v=8.
