Wissenschaft

Hier werden regelmäßig evidenzbasierte Erkenntnisse aus der 
internationalen Wissenschaft diskutiert und Rückschlüsse auf die deutsche
Planungspraxis gezogen.

Übersicht

Landwirtschaft trifft gebaute Stadt

Städte stehen vor gewaltigen Herausforderungen: Klimawandel, fragile Lieferketten, steigende Energiekosten und der Druck auf bestehende Infrastrukturen verändern die Art, wie wir leben und konsumieren. Ob Dachgewächshäuser, Vertical Farming oder Gemeinschaftsgärten: Die urbane Lebensmittelproduktion könnte Städte nachhaltiger, resilienter und unabhängiger machen. Doch wie realistisch ist diese Vision? Eine aktuelle Untersuchung aus Finnland zeigt, welche Chancen, Risiken und Konflikte entstehen, wenn Landwirtschaft auf die gebaute Stadt trifft.

Das Trilemma der Landnutzung

Klimawandel, Artenschwund, Hunger - drei globale Krisen, die alle eines gemeinsam haben: Sie hängen unmittelbar damit zusammen, wie wir Land nutzen. Dieses Spannungsfeld wird auch als „Trilemma der Landnutzung" beschrieben und offenbart den Bedarf von integrierten, synergetischen Lösungen. Urbane Lebensmittelproduktion ist dabei weit mehr als ein Trend und kann ein konkreter Baustein dieser notwendigen Transformation sein.

Der Stoffwechsel der Stadt

Städte funktionieren wie lebende Organismen: Sie verbrauchen Energie, Wasser und Nahrung und erzeugen Abfälle und Emissionen. Der Ansatz des urbanen Metabolismus hilft dabei, diese Stoff- und Energieflüsse sichtbar zu machen – und neue Wege zu finden, Städte nachhaltiger zu gestalten. Ein besonders spannender Ansatz sind Gewächshäuser auf Dächern, die Gebäude und Lebensmittelproduktion miteinander verbinden.

Schlachthöfe als Einschnitte

Schlachthöfe waren einst zentrale Orte der Stadt – sichtbar, funktional und tief im Alltag verankert. Heute sind sie aus dem urbanen Raum verschwunden, ausgelagert in ländliche Regionen und nahezu unsichtbar für die Öffentlichkeit. Ihre Geschichte zeigt, wie Stadtwachstum, Hygienevorgaben und technologische Entwicklungen urbane Lebensmittelproduktion prägen – und zugleich zu einem blinden Fleck zwischen Konsum und Produktion führen.

Was urbane Landwirtschaft in und auf 
Gebäuden nachhaltig macht

Gebäudebezogene Formen der urbanen Lebensmittelproduktion erfahren in den vergangenen Jahren zunehmend an Aufmerksamkeit und erscheinen angesichts der zahlreichen Herausforderungen als sinnvolle Lösungen für Städte. Diese Anbaumethoden zeichnen sich dadurch aus, dass sie keine landwirtschaftlichen Böden in Anspruch nehmen, sondern in Gebäude integriert werden können. Doch wie nachhaltig ist die gebäudebezogene Lebensmittelproduktion mit Blick auf die Dimensionen Ökologie, Soziales und Ökonomie?

Die beste Lage für die Landwirtschaft?

Wo ist der beste Platz für die Landwirtschaft: in der Stadt, außerhalb der Stadt oder überall? Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden zur Frage der bestmöglichen räumlichen Verteilung landwirtschaftlicher Nutzungen theoretische Überlegungen angestellt. Gut 100 Jahre später, wurden diese Erkenntnisse mit Blick auf die Stadtökonomie weiterentwickelt und der Landwirtschaft eine neue räumliche Position zugewiesen. Beide dieser klassischen Standorttheorien verraten bis heute gültige wichtige Grundüberlegungen zu der Frage, wo Landwirtschaft stattfinden soll.

Wenn sich die Stadt Dortmund selbst mit Lebensmitteln versorgen würde...

In der Stadt Dortmund leben über eine halbe Million Menschen. Wenn die Stadtbevölkerung alle Lebensmittel fortan lokal und regional beziehen würde, bräuchte die Stadt eine Vielzahl von landwirtschaftlichen Flächen für die Sicherstellung einer ausreichenden Lebensmittelproduktion. Welches Einzugsgebiet würde sich aus dieser Überlegung heraus ergeben, wenn alle tatsächlich vorhandenen Ackerland- und Dauergrünlandflächen radial um Dortmund herum dafür berücksichtigt werden würden?

Vertical Farming – Landwirtschaft steht Kopf?

Im Jahr 2010 wurde das Buch „The Vertical Farm“ von Dickson Despommier veröffentlicht, das heute in weiten Teilen als das Fundament von „Vertical Farming“ angesehen wird. Die Idee, die Landwirtschaft der Zukunft vertikal statt horizontal, indoor statt outdoor zu betreiben ist weitreichend und erscheint auf den ersten Blick wie eine weit entfernte Utopie. Allerdings führen ernsthafte Gründe zu der Idee des Vertical Farming, die sehr eng mit unserer städtischen Lebensweise verknüpft sind.

Aus den Augen, aus dem Sinn? 

Das städtische Ernährungssystem ist in der Vergangenheit aus dem Blick der Öffentlichkeit geraten. Doch bereits seit Jahrtausendwende werden Ursachen für die Vernachlässigung des städtischen Ernährungssystem im Gegensatz zu anderen Sektoren wie Verkehr oder Wohnen gesucht. Diese Auseinandersetzung offenbart zugleich, dass zahlreiche Anknüpfungspunkte bestehen, das zu verändern – auch seitens der Stadtplanung!

Landwirtschaft trifft gebaute Stadt

Wie und wo die bauliche Integration (nicht) funktioniert 

Dieser Beitrag basiert auf dem Artikel von Drain et al. (2026): Urban agriculture and the built environment: Possibilities and barriers in future scenarios.

Städte stehen vor gewaltigen Herausforderungen: Klimawandel, fragile Lieferketten, steigende Energiekosten und der Druck auf bestehende Infrastrukturen verändern die Art, wie wir leben und konsumieren. Ob Dachgewächshäuser, Vertical Farming oder Gemeinschaftsgärten: Die urbane Lebensmittelproduktion könnte Städte nachhaltiger, resilienter und unabhängiger machen. Doch wie realistisch ist diese Vision? Eine aktuelle Untersuchung aus Finnland zeigt, welche Chancen, Risiken und Konflikte entstehen, wenn Landwirtschaft auf die gebaute Stadt trifft.

Einführung

Die globale Landwirtschaft steht unter enormem Druck. Klimawandel, Lieferkettenprobleme, steigende Transportkosten und der Mangel an Arbeitskräften bedrohen zunehmend die weltweite Ernährungssicherheit. Besonders industrielle Landwirtschaftssysteme geraten an ihre Grenzen. Gleichzeitig wachsen Städte weiter – und mit ihnen der Bedarf an lokalen, nachhaltigen Versorgungslösungen. Vor diesem Hintergrund gewinnt die urbane Lebensmittelproduktion stark an Bedeutung. Der Begriff beschreibt landwirtschaftliche Produktion innerhalb urbaner Räume – von Gemeinschaftsgärten über Dachgewächshäuser bis hin zu hochautomatisierten Vertical-Farming-Anlagen. Studien zeigen inzwischen, dass urbane Landwirtschaft teilweise vergleichbare oder sogar höhere Erträge erzielen kann als klassische industrielle Anbaumethoden. Dabei geht es längst nicht mehr nur um Gemüsebeete zwischen Wohnhäusern. Moderne urbane Landwirtschaft umfasst Hightech-Gewächshäuser, hydroponische Systeme ohne Erde, Aquaponik mit Fischzucht oder sogar Indoor-Farmen in leerstehenden Gebäuden. Städte könnten sich dadurch langfristig zu widerstandsfähigeren und teilweise selbstversorgenden Systemen entwickeln. Allerdings geht dies mit Fragen zur baulichen Integration in Städte einher.

 

Die Stadt als neue Agrarfläche

Traditionell findet Landwirtschaft außerhalb urbaner Räume statt. Doch moderne Städte verfügen über enorme ungenutzte Potenziale: leerstehende Bürogebäude, Industriebrachen, Dächer, Keller oder ehemalige Einkaufszentren. Genau diese Räume rücken nun in den Fokus urbaner Landwirtschaft. Besonders spannend ist dabei die gebäudeintegrierte Lebensmittelproduktion, auf Englisch die sogenannte Controlled Environment Agriculture (CEA). Hierbei werden Pflanzen in kontrollierten Innenräumen angebaut – unabhängig von Wetter oder Jahreszeiten. Vertical Farming gilt dabei als eines der bekanntesten Modelle: Pflanzen wachsen auf mehreren Ebenen übereinander, häufig unter künstlichem Licht und mit computergesteuerter Bewässerung.

Die Vorteile liegen auf der Hand: ganzjährige Produktion, geringe Transportwege, effizienter Wasserverbrauch, hohe Flächenausnutzung und geringerer Einsatz von Pestiziden. Auch bestehende Gebäude könnten dadurch neue Funktionen erhalten. Leerstehende Einkaufszentren oder ungenutzte Fabriken könnten zu Produktions- und Logistikzentren für Lebensmittel werden. Besonders in Städten mit hohen Leerstandsquoten eröffnet dies völlig neue Perspektiven für die Immobilienwirtschaft. Gleichzeitig entstehen neue Mischformen urbaner Räume. Denkbar sind Wohnanlagen mit integrierten Gewächshäusern, Supermärkte mit eigener Produktion oder Bürogebäude mit modularen Indoor-Farmen. Die Grenzen zwischen Wohnen, Arbeiten, Konsum und Produktion beginnen zu verschwimmen.

 

Chancen: Nachhaltigkeit, Gemeinschaft und Innovation

Die Potenziale urbaner Landwirtschaft gehen weit über reine Lebensmittelproduktion hinaus. Besonders häufig werden ökologische Vorteile genannt. Kürzere Transportwege reduzieren Emissionen, Abwärme von Gebäuden kann für Gewächshäuser genutzt werden und Kreislaufsysteme ermöglichen eine effizientere Nutzung von Wasser und Nährstoffen. Darüber hinaus entstehen soziale Mehrwerte. Gemeinschaftsgärten und urbane Farmprojekte fördern Nachbarschaft, Bildung und lokale Identität. Menschen entwickeln wieder einen direkteren Bezug zu Lebensmitteln und Produktionsprozessen. Gerade Kinder und Jugendliche können dadurch früh nachhaltige Ernährung und ökologische Zusammenhänge kennenlernen.

Auch wirtschaftlich entstehen neue Möglichkeiten. Urbane Landwirtschaft kann zusätzliche Arbeitsplätze schaffen, neue Geschäftsmodelle hervorbringen und Immobilienprojekte attraktiver machen. Einige Entwickler nutzen Urban Farming bereits gezielt als Nachhaltigkeits- und Imagefaktor für moderne Stadtquartiere.Besonders innovativ sind hybride Nutzungskonzepte, etwa:

  • Indoor-Farmen in alten Fabriken
     
  • Dachgewächshäuser auf Wohnanlagen
     
  • Modulare Farmcontainer in Einkaufszentren
     
  • Lebensmittelproduktion kombiniert mit Gastronomie 
     
  • Urbane Produktionsflächen für Kosmetik- oder Pharmapflanzen

Die Vision dahinter: Städte sollen nicht nur konsumieren, sondern selbst aktiv produzieren.

 

Herausforderungen: Kosten, Regulierung und Risiken

Trotz aller Visionen zeigt die Forschung auch deutliche Grenzen urbaner Landwirtschaft. Die größte Herausforderung bleibt die Wirtschaftlichkeit. Hightech-Farmen benötigen enorme Investitionen in Beleuchtung, Klimasteuerung, Wassertechnik und Gebäudemodifikationen. Gerade Vertical Farming gilt zwar als effizient, aber gleichzeitig als technisch komplex und teuer. Viele Projekte kämpfen mit hohen Energiekosten oder scheitern langfristig an fehlender Rentabilität.

Hinzu kommen regulatorische Hürden. Bestehende Bau- und Planungsvorschriften sind häufig nicht auf urbane Landwirtschaft ausgelegt. Fragen zu Hygiene, Brandschutz, Nutzungsänderungen oder Lebensmittelsicherheit machen viele Projekte kompliziert und teuer. Gemeinschaftsorientierte Projekte stehen zudem oft im Konflikt mit wirtschaftlicher Effizienz. Sobald urbane Landwirtschaft öffentlich zugänglich wird, entstehen Risiken durch mangelnde Kontrolle, mögliche Schäden oder organisatorische Probleme.

Ein weiterer kritischer Punkt ist die soziale Dimension. Zwar können entsprechende Projekte Stadtviertel aufwerten, gleichzeitig besteht jedoch die Gefahr von Gentrifizierung. Nachhaltige Prestigeprojekte könnten letztlich vor allem wohlhabenden Bevölkerungsgruppen zugutekommen, während soziale Ungleichheiten bestehen bleiben. Auch die gebaute Umwelt selbst stellt Herausforderungen dar. Alte Gebäude müssen oft aufwendig umgerüstet werden, Feuchtigkeit und Schimmel können zum Problem werden und viele Bestandsimmobilien eignen sich technisch nur eingeschränkt für Lebensmittelproduktion.

 

Fazit

Die urbane Lebensmittelproduktion besitzt enormes Potenzial für die Städte der Zukunft. Sie kann Versorgungssysteme resilienter machen, Leerstände neu beleben, ökologische Ziele unterstützen und soziale Begegnungsräume schaffen. Gleichzeitig zeigt die Forschung deutlich: Technologische Innovation allein reicht nicht aus. Damit urbane Landwirtschaft langfristig funktioniert, müssen Stadtplanung, Immobilienwirtschaft, Politik und Lebensmittelbranche enger zusammenarbeiten. Es braucht neue regulatorische Rahmenbedingungen, wirtschaftlich tragfähige Modelle und vor allem eine klare Unterscheidung zwischen kommerziellen und gemeinschaftsorientierten Projekten. Die spannendste Erkenntnis der Untersuchung liegt jedoch woanders: Urbane Landwirtschaft könnte nicht nur Lebensmittel produzieren, sondern auch die Art verändern, wie Städte geplant und genutzt werden. Gebäude würden multifunktionaler, Quartiere lokaler und urbane Räume produktiver. Ob daraus tatsächlich ein neues urbanes Ernährungssystem entsteht, hängt letztlich davon ab, wie mutig Städte bereit sind, ihre gebaute Umwelt neu zu denken.

 

Quelle

Drain, K.; Galleani, M.; Toivonen, S. (2026): Urban agriculture and the built environment: Possibilities and barriers in future scenarios. In: Futures, 177, 103782.

Das Trilemma der Landnutzung

Urbane Lebensmittelproduktion als ein Ausweg?  

Dieser Beitrag basiert auf dem Gutachten vom WBGU (2020): Landwende im Anthropozän: Von der Konkurrenz zur Integration.

Klimawandel, Artenschwund, Hunger - drei globale Krisen, die alle eines gemeinsam haben: Sie hängen unmittelbar damit zusammen, wie wir Land nutzen. Dieses Spannungsfeld wird auch als „Trilemma der Landnutzung" beschrieben und offenbart den Bedarf von integrierten, synergetischen Lösungen. Urbane Lebensmittelproduktion ist dabei weit mehr als ein Trend und kann ein konkreter Baustein dieser notwendigen Transformation sein.

Einführung

Boden ist endlich. Diese schlichte Tatsache gewinnt im 21. Jahrhundert eine neue Brisanz: Die Menschheit beansprucht Land gleichzeitig für die Produktion von Nahrungsmitteln, für den Schutz von Ökosystemen und zur Bindung von Treibhausgasen. Diese drei Ziele stehen in harter Konkurrenz zueinander. Seit Jahrzehnten werden diese Herausforderungen weitgehend isoliert voneinander bearbeitet: Klimapolitik hier, Agrarpolitik dort, Naturschutz irgendwo dazwischen. Die Situation wird auch  als „Trilemma der Landnutzung" bezeichnet, weil es auf den ersten Blick scheint, als könne jeweils eine der drei großen Herausforderungen (Klimaschutz, Ernährungssicherung, Biodiversitätserhalt) nur auf Kosten der beiden anderen bewältigt werden. 

 

Ein dysfunktionales Ernährungssystem

Das globale Ernährungssystem befindet sich in einer tiefen Krise: Für ein Viertel der Menschheit ist die Ernährungssicherung gefährdet, während ein weiteres Viertel an gesundheitsschädlichem Überkonsum leidet. Diese paradoxe Gleichzeitigkeit von Mangel und Überfluss ist kein Zufall, sondern Ausdruck struktureller Fehlanreize: Industrielle Landwirtschaft maximiert kurzfristige Erträge auf Kosten langfristiger Bodenfruchtbarkeit, Wasserverfügbarkeit und biologischer Vielfalt.

Für die prognostizierten 9,5 Milliarden Erdbewohner im Jahr 2050 müsste die herkömmliche landwirtschaftliche Fläche zusätzlich um rund 850 Millionen Hektar wachsen - eine Fläche, die schlicht nicht zur Verfügung steht. Gleichzeitig trägt die industrielle Landwirtschaft selbst erheblich zum Klimawandel bei und beschleunigt den Verlust jener Ökosysteme, die für eine stabile Nahrungsproduktion unverzichtbar sind.

 

Lösungsansätze für das Trilemma

Der einzige Ausweg besteht darin, Land künftig so zu nutzen, dass alle drei Ziele gleichzeitig bedient werden. In diesem Zusammenhang werden drei sogenannte Mehrgewinnstrategien vorgeschlagen, die das Ernährungssystem als solches direkt betreffen:

01

Renaturierung von Landökosystemen

Degradierte Böden wiederherzustellen schützt nicht nur Biodiversität, sondern sichert langfristig auch die Grundlage für Nahrungsmittelproduktion.

02

Ökologisierung der Landwirtschaft

Eine Abkehr von der industriellen Landwirtschaft soll Ernährungssicherung, Klimaschutz und Biodiversitätserhalt gleichzeitig fördern.

03

Transformation der Ernährungsstile

Insbesondere in den Industrieländern sieht das Gutachten ein erhebliches Potenzial in der Reduktion von Tierprodukten.

Urbane Lebensmittelproduktion als sinnvolle Ergänzung

Die urbane Lebensmittelproduktion wird nur am Rande erwähnt. Im Mittelpunkt stehen großflächige Strategien zur Lösung des Trilemmas der Landnutzung: die Ökologisierung der Landwirtschaft, Renaturierung von Ökosystemen, internationale Governance. Städtische Anbausysteme tauchen allenfalls implizit auf und zwar als Teil jener lokalen Pionierprojekte, denen eine besonders wichtige Rolle im Kontext von Veränderungen zukommt.

Das ist eine auffällige Leerstelle. Denn gerade aus der Logik des Gutachtens heraus ergibt sich ein starkes Argument für urbane Lebensmittelproduktion: Wenn land-basierte Nutzungskonkurrenzen das Kernproblem sind, dann ist jede Form der Produktion, die kein zusätzliches Land beansprucht - die also auf Dächern, auf Brachflächen, in Gebäuden stattfindet - strukturell Teil der Lösung. Insofern stellt die urbane Lebensmittelproduktion keinen Gegenentwurf zur globalen Landwirtschaft dar, sondern ist vielmehr eine konsequente Weiterführung von Forderungen wie der multifunktionalen Flächennutzung, der Schaffung von Synergien bei gleichzeitiger Entschärfung von Konkurrenzen.

Nicht zu vernachlässigen ist die transformative Dimension: Neben technischen Lösungen bedarf es einen grundlegenden Wandel von Ernährungsstilen und Konsumverhalten sowie Orte, an denen er erlebbar wird. Städtische Lebensmittelproduktion schafft genau diese Orte: Sie macht Zusammenhänge zwischen Boden, Nahrung und Ökosystem im urbanen Alltag sichtbar und verankert eine Art gesellschaftliche Verantwortungsübernahme im direkten Lebensumfeld der Menschen.

 

Fazit 

Das Trilemma der Landnutzung ist weitreichend, aber dennoch nicht unlösbar, wenn sich der Blick von konkurrierenden Einzelinteressen hin zu systemischen Synergien verschiebt. Urbane Lebensmittelproduktion ist dabei kein Ersatz für eine grundlegende Reform der globalen Landwirtschaft. Aber sie ist ein konkreter, lokal umsetzbarer Schritt, der die richtigen Fragen stellt: Wie können wir Flächen mehrfach nutzen? Wie können Städte Teil des Ernährungssystems werden, statt nur dessen Endpunkt? Und wie können wir die Distanz zwischen Produktion und Konsum nicht nur räumlich, sondern auch gedanklich überbrücken?

Die Landwende beginnt nicht nur auf dem Acker - sie beginnt auf dem Dach, im Hinterhof, in der Stadt.

 

Quelle

WBGU - Wissenschaftlicher Beitrag Globale Umweltfragen (2020): Landwende im Anthropozän - Von der Konkurrenz zur Integration.

Der Stoffwechsel der Stadt

Urbaner Metabolismus am Beispiel von Dachgewächshäusern 

Dieser Beitrag basiert auf dem Beitrag von Sanyé-Mengual et al. (2017): Resource Efficiency and Waste Avoidance.

Städte funktionieren wie lebende Organismen: Sie verbrauchen Energie, Wasser und Nahrung und erzeugen Abfälle und Emissionen. Der Ansatz des urbanen Metabolismus hilft dabei, diese Stoff- und Energieflüsse sichtbar zu machen – und neue Wege zu finden, Städte nachhaltiger zu gestalten. Ein besonders spannender Ansatz sind Gewächshäuser auf Dächern, die Gebäude und Lebensmittelproduktion miteinander verbinden.

Einführung

Städte sind Zentren von Produktion, Konsum und Innovation. Gleichzeitig verbrauchen sie enorme Mengen an Ressourcen. Energie, Wasser, Lebensmittel und Baumaterialien strömen täglich in urbane Räume hinein, während Abfälle, Emissionen und Abwasser wieder hinausfließen. Dieses Zusammenspiel wird häufig als urbaner Metabolismus bezeichnet – also als der Stoffwechsel einer Stadt.

Die Analyse dieses urbanen Stoffwechsels ist heute besonders relevant. Zum einen wächst die Weltbevölkerung weiterhin stark in Städten. Zum anderen stehen urbane Räume vor großen ökologischen Herausforderungen wie Klimawandel, Ressourcenknappheit oder steigenden Energieverbräuchen. Eine nachhaltige Stadtentwicklung muss daher nicht nur Gebäude und Infrastruktur betrachten, sondern auch die zugrunde liegenden Stoff- und Energieflüsse.

Ein Ansatz, der in diesem Zusammenhang zunehmend Aufmerksamkeit erhält, ist die urbane Landwirtschaft – insbesondere die Nutzung von Dachflächen für Lebensmittelproduktion. Gewächshäuser auf Gebäudedächern können Teil eines urbanen Metabolismus werden, indem sie Ressourcenflüsse innerhalb der Stadt besser nutzen und miteinander verbinden.

 

Räumliche Entkopplung von Produktion und Stadt

Historisch betrachtet waren Städte und Landwirtschaft lange eng miteinander verbunden. Lebensmittel wurden häufig im direkten Umland produziert, und organische Abfälle aus der Stadt gelangten wieder zurück auf landwirtschaftliche Flächen. Diese Kreisläufe sorgten dafür, dass Nährstoffe und Ressourcen weitgehend lokal zirkulierten.

Mit der Industrialisierung und der Modernisierung der Landwirtschaft änderte sich dieses Verhältnis jedoch grundlegend. Verbesserte Transportmöglichkeiten, globalisierte Märkte und spezialisierte Produktionssysteme führten dazu, dass Lebensmittel immer häufiger über große Distanzen transportiert werden. Landwirtschaft verlagerte sich zunehmend aus den Städten heraus, während urbane Räume immer stärker von externen Ressourcen abhängig wurden.

Diese Entwicklung führte zu einer räumlichen und funktionalen Entkopplung von Produktion und Konsum. Lebensmittel legen heute oft tausende Kilometer zurück, bevor sie in Supermärkten landen. Gleichzeitig entstehen entlang der Lieferketten Verluste und Abfälle. Aus Sicht des urbanen Metabolismus bedeutet dies lange, energieintensive Stoffströme und wenig geschlossene Kreisläufe. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Idee einer erneuten Integration von Lebensmittelproduktion in Städten an Bedeutung. Urbane Landwirtschaft kann helfen, Stoffkreisläufe wieder stärker lokal zu organisieren und Ressourcen effizienter zu nutzen

 

Vorteile von Dachgewächshäusern für urbanen Metabolismus

Gewächshäuser auf Dächern gelten als eine besonders innovative Form der urbanen Landwirtschaft. Sie können auf unterschiedliche Weise zur Verbesserung des urbanen Metabolismus beitragen.

01

Energieeffizienz und Gebäudeintegration

Dachgewächshäuser können als zusätzliche Schicht auf Gebäuden wirken und damit die Wärmedämmung verbessern. Vegetation und Gewächshausstrukturen reduzieren beispielsweise die Aufheizung von Dachflächen im Sommer und verringern Wärmeverluste im Winter. Dadurch sinkt der Energiebedarf für Kühlung oder Heizung.

Besonders interessant sind integrierte Systeme, bei denen Gebäude und Gewächshaus Ressourcen austauschen. So kann überschüssige Wärme aus dem Gebäude zur Beheizung des Gewächshauses genutzt werden, während das Gewächshaus wiederum zur Regulierung der Gebäudetemperatur beitragen kann.

02

Wasser- und Ressourceneffizienz

Auch beim Wasserverbrauch bieten Dachgewächshäuser Vorteile. Moderne Anbausysteme wie hydroponische Verfahren arbeiten mit geschlossenen Kreisläufen und benötigen deutlich weniger Wasser als konventionelle Landwirtschaft.

Zusätzlich können alternative Wasserquellen genutzt werden. Regenwasser lässt sich direkt auf dem Dach sammeln und für die Bewässerung verwenden. Auch aufbereitetes Grauwasser aus dem Gebäude kann in bestimmten Systemen wiederverwendet werden. Dadurch lassen sich städtische Wasserflüsse besser miteinander verknüpfen.

03

Nutzung von CO₂ und Stoffströmen

In integrierten Konzepten können sogar Emissionen aus dem Gebäude sinnvoll genutzt werden. Kohlendioxid aus der Gebäudeluft kann beispielsweise für die Photosynthese der Pflanzen eingesetzt werden und so das Pflanzenwachstum fördern.

Solche Ansätze zeigen, wie Gebäude und Lebensmittelproduktion gemeinsam Teil eines geschlossenen urbanen Stoffwechsels werden können.

04

Klimaschutz und kurze Lieferketten

Ein weiterer Vorteil liegt in der lokalen Produktion von Lebensmitteln. Wenn Gemüse direkt in der Stadt angebaut wird, verkürzen sich Transportwege erheblich. Dadurch sinken Energieverbrauch und Treibhausgasemissionen entlang der Lieferkette.

Zudem können die Produkte oft sehr frisch verzehrt werden, da Ernte und Verkauf zeitlich eng beieinander liegen. Kurze Lieferketten können außerdem dazu beitragen, Lebensmittelverluste entlang der Transport- und Handelsstufen zu reduzieren.

05

Verbesserung des Stadtklimas

Vegetation auf Dächern kann auch das städtische Mikroklima beeinflussen. Pflanzen verdunsten Wasser und spenden Schatten, wodurch sich aufgeheizte Stadtflächen weniger stark erwärmen. Bei einer größeren Verbreitung solcher Begrünung kann dies helfen, den sogenannten Wärmeinseleffekt in Städten abzuschwächen.

Beispiel: Integrierte Dachgewächshäuser

Ein Beispiel für diesen Ansatz sind integrierte Dachgewächshäuser, bei denen Landwirtschaft direkt mit Gebäudetechnik verbunden wird. In solchen Systemen werden Energie-, Wasser- und Stoffflüsse zwischen Gebäude und Gewächshaus gezielt gekoppelt. Die Abwärme eines Gebäudes kann beispielsweise genutzt werden, um optimale Wachstumsbedingungen für Pflanzen zu schaffen. Gleichzeitig kann das Gewächshaus als Pufferzone wirken und den Energiebedarf des Gebäudes reduzieren. Auch Regenwasser oder aufbereitetes Grauwasser kann in den landwirtschaftlichen Kreislauf eingebunden werden. Forschungsprojekte und Pilotanlagen in verschiedenen Städten zeigen, dass solche Konzepte technisch möglich sind und ein großes Potenzial für nachhaltige urbane Ernährungssysteme besitzen.

 

Fazit

Der Ansatz des urbanen Metabolismus macht deutlich, dass Städte als komplexe Systeme von Stoff- und Energieflüssen verstanden werden müssen. Viele ökologische Herausforderungen urbaner Räume hängen damit zusammen, dass diese Flüsse heute stark linear organisiert sind – Ressourcen werden verbraucht und anschließend als Abfall oder Emissionen abgeführt. Rooftop-Gewächshäuser bieten eine Möglichkeit, diese Strukturen zu verändern. Durch die Integration von Lebensmittelproduktion in Gebäude können Energie-, Wasser- und Stoffströme besser genutzt und teilweise in lokale Kreisläufe überführt werden. Gleichzeitig leisten sie Beiträge zum Klimaschutz, zur Ressourceneffizienz und zur Verbesserung des Stadtklimas. Auch wenn noch weitere Forschung und praktische Erfahrungen notwendig sind, zeigen erste Projekte, dass Dachgewächshäuser ein vielversprechender Baustein für nachhaltigere Städte sein können – und ein konkretes Beispiel dafür, wie sich der urbane Metabolismus neu denken lässt.

 

Quelle

Sanyé-Mengual, E.; Rieradevall, J.; Montero, J. I. (2017): Resource Efficiency and Waste Avoidance. In: Rooftop Urban Agriculture, (Hrsg.) Orsini, F.; Dubbeling, M.; de Zeeuw, H.; Gianquinto, G. Springer, 263-276. 

Schlachthöfe als Einschnitte

Die Verlagerung der Lebensmittelproduktion aus der Stadt  

Dieser Beitrag basiert auf dem Artikel von Lee (2005): The Slaughterhouse and the City und der Dokumentation der  Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags (2020): Kommunale Schlachthöfe in Deutschland.

Schlachthöfe waren einst zentrale Orte der Stadt – sichtbar, funktional und tief im Alltag verankert. Heute sind sie aus dem urbanen Raum verschwunden, ausgelagert in ländliche Regionen und nahezu unsichtbar für die Öffentlichkeit. Ihre Geschichte zeigt, wie Stadtwachstum, Hygienevorgaben und technologische Entwicklungen urbane Lebensmittelproduktion prägen und zugleich zu einem blinden Fleck zwischen Konsum und Produktion führen.

Einführung

Schlachthöfe sind bis heute keine Orte der Öffentlichkeit. Scheinbar idealerweise liegen sie abgeschieden, fernab dicht besiedelter Gebiete, kaum sichtbar und weit entfernt vom urbanen Alltag. Genau darin liegt ihre stadtplanerische Bedeutung, denn sie stellen exemplarisch die Trennung zwischen Konsum und Produktion von Lebensmitteln dar. Das war allerdings nicht immer so. Schlachthöfe waren in der Vergangenheit durchaus Teil des urbanen Raums. Ihre heutige Verdrängung steht exemplarisch für eine zunehmende Entkopplung urbaner Gesellschaften von den Bedingungen ihrer Lebensmittelproduktion.

 

Rückblick: Schlachten in der mittelalterlichen Stadt und Schlachthöfe in Paris

In der mittelalterlichen Stadt war die Tierschlachtung eng in den urbanen Alltag eingebettet. Schlachtbetriebe konnten nicht einfach außerhalb der Stadtmauern verlegt werden, da kurze Wege aufgrund fehlender Kühlmöglichkeiten notwendig waren und längere Transportwege zusätzliche Kosten und überfüllte Straßen bedeutet hätten. Die Stadt wollte zudem potenzielle Unruhen durch die gut organisierte Gruppe der Metzger vermeiden. Letztere als Zunft organisiert, regelten Ausbildung, Preise und Qualitätsstandards und verfügten über wirtschaftliche wie soziale Macht. Die physische Stärke und Bewaffnung der Metzger stellte insofern eine Sicherheitsüberlegung dar. Gleichzeitig existierten früh moralische und symbolische Gegenentwürfe zur Sichtbarkeit des Schlachtens. Thomas Morus verbannte 1516 in seiner Utopie das Töten von Tieren an einen abgelegenen Ort außerhalb der Sichtweite der Bevölkerung – ausgeführt von gesellschaftlich Ausgeschlossenen. 

Im 19. Jahrhundert verstärkten hygienische Überlegungen die Tendenz, Schlachthöfe an den Stadtrand zu verlagern. Ein anschauliches Beispiel liefert Paris: 1818 führte Napoleon fünf städtische Schlachthöfe rund um die Stadt ein – in La Villette (Nordosten), Grenelle (Südwesten), La Chapelle (Norden), Rouvray/Montreuil (Osten) und Vaugirard/Issy (Südwesten). Die Zentralisierung sollte Kontrolle und Hygiene schaffen, was teilweise funktionierte. Unter Baron Haussmann wurden diese fünf Anlagen schließlich zu einem einzigen Großschlachthof in La Villette zusammengeführt, der Millionen Menschen versorgte. Schlachthöfe wurden damit Teil einer „Schattenstadt“: funktional hochentwickelt, aber für die Öffentlichkeit unsichtbar. Zusammen mit neuen Abwassersystemen entstand so eine urbane Binarität von Zentrum und Peripherie, Konsum und Produktion.

 

Kommunaler Schlachthöfe: Geschichte und Entwicklung in Deutschland

Mit der Urbanisierung des 19. Jahrhunderts entwickelten sich kommunale Schlachthöfe auch in Deutschland als zentrale Infrastruktur. Die Kommunalisierung der Fleischversorgung war Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge und diente insbesondere der Stadthygiene. Gemeindeordnungen führten Benutzungszwänge ein, um unkontrolliertes Schlachten zu verhindern. Ab den 1870er Jahren entstanden kommunale Schlachthöfe in Großstädten wie Berlin, Frankfurt oder München. Markant waren die Schlachthöfe aufgrund ihrer teils prunkvollen Architektur, die zusätzlich noch über gastronomischen Einrichtungen verfügten. Anfangs existierten auch genossenschaftlich organisierte Schlachthöfe, etwa in Stuttgart, Berlin oder Dresden.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren sämtlich große Schlachthöfe – ähnlich wie Straßenbahnen oder Versorgungsnetze – in den größten Städten nahezu vollständig kommunalisiert und fest in den städtischen Alltag integriert. Verschiedene Berufsgruppen aus den Bereichen Fleischerei und Handel sowie Haushalte nutzten sie regelmäßig, Lieferungen und Märkte wurden koordiniert, und die Anlagen verfügten über Einrichtungen für Lagerung, Verkauf und teils Gastronomie. Der Schlachthof war damit nicht nur Produktionsstätte, sondern auch Infrastrukturpunkt der städtischen Fleischversorgung und funktional eng mit Märkten und Transportwegen verbunden. Doch diese Phase endete schleichend: Technologische Entwicklungen, zunehmende Spezialisierung auf einzelne Tierarten und neue Transport- und Kühlmöglichkeiten veränderten die Branche grundlegend. Fleisch konnte nun günstiger transportiert werden als lebende Tiere. Gleichzeitig wuchs der Lebensmitteleinzelhandel und verlangte große Mengen, einheitliche Qualität und zeitnahe Lieferung.

Ab den 1960er Jahren setzte eine weitgehende Privatisierung ein, die sich bemerkenswert geräuschlos und unter Ausschluss der Öffentlichkeit vollzog, anders als bei der Privatisierung anderer kommunalen Infrastrukturen. Die rund 400 öffentlichen Schlachthöfe waren gegen Ende im Durchschnitt nur noch zu etwa 20 Prozent ausgelastet und verursachten hohe Kosten. Globalisierung, neue Hygienestandards und Rationalisierung führten zum Übergang zu industriellen Schlachtbetrieben als Zweckbauten in viehhaltungsintensiven Regionen. Wettbewerbsvorteile entstanden nicht nur durch Effizienz, sondern auch durch sinkende Personalkosten und Fließbandarbeit. Die kommunalen Schlachthöfe konnten damit ebenso wenig mithalten wie kleine private Betriebe. Nach der Wiedervereinigung verschwanden auch in den neuen Bundesländern die letzten Anlagen. Bis auf zwei Ausnahmen existierten Ende der 2010er Jahre keine kommunalen Schlachthöfe mehr in Deutschland.

 

Schlachthöfe und -betriebe als blinder Fleck in der Stadtplanung

Die Verdrängung der Schlachthöfe steht exemplarisch für eine wachsende Distanz zwischen urbanem Konsum und landwirtschaftlicher Produktion. Während die Gebäude vieler ehemaliger Schlachthöfe heute umgenutzt sind – als Kulturorte, Wohnquartiere oder Gewerbeflächen – bleiben ihre Spuren meist nur noch architektonisch sichtbar. Die eigentlichen Produktionsprozesse sind aus dem kollektiven Bewusstsein verschwunden. Heutzutage liegen Schlachthöfe überwiegend in ländlichen Regionen mit intensiver Viehhaltung. Ihre Auslagerung erfolgte weitgehend losgelöst von gezielter Stadtplanung und ist vielmehr das Ergebnis von technologischen Entwicklungen, neuen Hygienestandards, Kühl- und Transportmöglichkeiten sowie den Anforderungen des Lebensmittelhandels. Städte hatten dabei kaum Einfluss darauf, die Schlachtprozesse in den urbanen Raum zurückzuführen oder sichtbar zu gestalten. Die Entwicklung zeigt, wie urbaner Konsum zunehmend von der Produktion entkoppelt wurde und Schlachthöfe zu unsichtbaren, blinden Flecken außerhalb des städtischen Lebens geworden sind.

 

Fazit 

Schlachthöfe waren über Jahrhunderte integraler Bestandteil der Stadt – funktional, räumlich und symbolisch. Ihre Geschichte zeigt, wie eng Fragen von Hygiene, Moral, Infrastruktur und Stadtwachstum miteinander verwoben sind. Die heutige Auslagerung und Industrialisierung des Schlachtens hat zwar Effizienzgewinne gebracht, zugleich aber einen zentralen Teil der Lebensmittelproduktion aus dem urbanen Diskurs verdrängt. Schlachthöfe sind damit vergessene Orte – ein Spiegel dafür, wie Städte mit den unbequemen Seiten ihres eigenen Konsums umgehen. Ihre Bedeutung nimmt zusätzlich ab, da sich Ernährungsweisen verändern: Fleischkonsum geht zurück, vegetarische und vegane Ernährung sowie alternative Proteinquellen gewinnen an Bedeutung, wodurch die historischen Schlachthöfe weiter aus dem öffentlichen und wirtschaftlichen Fokus rücken.

 

Quellen

Lee, P. Y. (2005): The Slaughterhouse and the City. Food & History, 3 (2), 7-25. https://doi.org/10.1484/J.FOOD.2.301751

Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages (2020): Kommunale Schlachthöfe in Deutschland (Aktenzeichen: WD 5 - 3000 - 077/20). Deutscher Bundestag.

Was urbane Landwirtschaft in und auf 
Gebäuden nachhaltig macht

Betrachtung der ökologischen, sozialen und ökonomischen Dimension 

Dieser Beitrag basiert auf dem Artikel von Specht et al. (2014): Urban agriculture of the future: an overview of sustainability aspects of food production in and on buildings.

Gebäudebezogene Formen der urbanen Lebensmittelproduktion erfahren in den vergangenen Jahren zunehmend an Aufmerksamkeit und erscheinen angesichts der zahlreichen Nachhaltigkeitsherausforderungen als sinnvolle Lösungen für Städte. Diese Anbaumethoden zeichnen sich dadurch aus, dass sie keine landwirtschaftlichen Böden in Anspruch nehmen, sondern in Gebäude integriert werden können. Doch wie nachhaltig ist die gebäudebezogene Lebensmittelproduktion mit Blick auf die Dimensionen Ökologie, Soziales und Ökonomie?

Einführung

Innovative Formen der urbanen Landwirtschaft erfahren seit einigen Jahren wachsende Aufmerksamkeit. Getrieben wird diese Entwicklung vor allem durch den Klimawandel, die fortschreitende Urbanisierung und die damit einhergehende Herausforderung, eine steigende Stadtbevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen, während gleichzeitig immer weniger fruchtbare Böden zur Verfügung stehen. Städte stehen zunehmend vor der Aufgabe, ihre Abhängigkeit von globalen Lieferketten zu reduzieren und resilientere, lokalere Versorgungsstrukturen zu entwickeln. In diesem Kontext gewinnen innovative Formen der urbanen Landwirtschaft an Bedeutung, die Architektur und Lebensmittelproduktion miteinander verbinden und vor dem Hintergrund steigender Nachhaltigkeitsanforderungen Vorteile, aber auch Nachteile, für die Bereiche Ökologie, Soziales und Ökonomie mit sich bringen können.

 

Urbane Landwirtschaft in Gebäuden

Ein zentrales Ziel bisheriger Ansätze der urbanen Landwirtschaft ist es, bislang ungenutzte oder untergenutzte Ressourcen im städtischen Raum, etwa Abwärme, organische Abfälle, Regen- und Abwasser, kreislaufbasiert für den Anbau von Lebensmitteln zu nutzen. Urbane Landwirtschaft kann so einen Beitrag zur Bewältigung zentraler Nachhaltigkeitsherausforderungen leisten und gleichzeitig frische Lebensmittel direkt dort bereitstellen, wo sie konsumiert werden. Da Flächen in Städten knapp und teuer sind, konzentrieren sich viele dieser Konzepte auf die Nutzung von Raum auf, an und in Gebäuden.

Unter dem Begriff Zero-Acreage-Farming (ZFarming) werden alle Formen urbaner Landwirtschaft zusammengefasst, die kein klassisches Agrarland oder freie Bodenflächen in Anspruch nehmen. Dazu zählen unter anderem Dachgärten, Dachgewächshäuser, begrünte Fassaden, vertikale Farmen und Indoor-Farmen. ZFarming grenzt sich damit bewusst von bodengebundenen Formen wie Kleingärten oder Gemeinschaftsgärten ab und rückt Gebäude selbst als Produktionsorte in den Fokus.

 

Bewertung aus der ökologischen Perspektive

Eine gezielte Übersicht aus knapp 100 Artikeln zum Thema ergab, dass folgende zehn Aspekte für die ökologische Dimension besonders häufig thematisiert werden:

Eigene Darstellung auf Basis von Daten aus Specht et al. (2014), S. 39

Aus ökologischer Perspektive bietet gebäudebezogene urbane Landwirtschaft eine Vielzahl von Vorteilen. In Kombination mit ökoeffizienter Architektur können neue Stadtlandschaften entstehen, die produktive, ökologische und gestalterische Funktionen miteinander verbinden. Ein wesentlicher Aspekt ist die Reduzierung von Transportwegen und damit verbundener Emissionen, da Lebensmittel direkt in der Stadt produziert und konsumiert werden. Darüber hinaus eröffnen ZFarming-Systeme neue Möglichkeiten für die Nutzung und Wiederverwertung von Wasserressourcen, etwa durch Regenwassernutzung oder die Aufbereitung von Grauwasser. Auch organische Abfälle aus Haushalten, Gastronomie oder Märkten können in Kreisläufe integriert und beispielsweise zur Nährstoffgewinnung genutzt werden. Je nach Ausgestaltung können urbane Farmen zudem zur Energieeffizienz von Gebäuden beitragen, etwa durch Wärmedämmung, Verschattung oder die Kombination mit erneuerbarer Energieproduktion.

Gleichzeitig bestehen ökologische und technische Einschränkungen. Der Energiebedarf insbesondere von Indoor- und vertikalen Farmen ist hoch und kann ökologische Vorteile relativieren, wenn er nicht durch erneuerbare Energien gedeckt wird. Zudem ist die Forschung zum urbanen Lebensmittelsystem vergleichsweise jung und teilweise von mangelnder Erfahrung oder Vorannahmen geprägt.

 

Bewertung aus der sozialen Perspektive

Eine gezielte Übersicht aus knapp 100 Artikeln zum Thema ergab, dass folgende zehn Aspekte für die soziale Dimension besonders häufig thematisiert werden:

Eigene Darstellung auf Basis von Daten aus Specht et al. (2014), S. 39

Auch in sozialer Hinsicht wird die gebäudebezogene urbane Landwirtschaft mit hohen Erwartungen verbunden. Lokale Lebensmittelproduktion kann zur Verbesserung der Ernährungssicherheit auf Quartiers- oder Stadtebene beitragen, insbesondere in dicht besiedelten Gebieten mit eingeschränktem Zugang zu frischen Lebensmitteln. Darüber hinaus bieten urbane Farmen Potenziale als Bildungsorte, etwa für Umweltbildung, Ernährungskompetenz oder technische Innovationen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die stärkere Verbindung zwischen Verbraucherinnen und Verbrauchern und der Lebensmittelproduktion. Transparente Produktionsprozesse im urbanen Raum können Vertrauen schaffen und das Bewusstsein für Ressourcenverbrauch und Ernährungssysteme stärken. Nicht zuletzt kann ZFarming auch als Inspirationsquelle für Architektur, Stadtgestaltung und nachhaltiges Design dienen.

Dem stehen jedoch soziale Herausforderungen gegenüber. Bodenunabhängige Anbaumethoden stoßen in Teilen der Bevölkerung auf Skepsis, insbesondere wenn sie sehr technisch wirken. Zudem besteht die Gefahr, dass urbane Farmen vor allem zahlungskräftige Zielgruppen bedienen und damit soziale Ungleichheiten verstärken. Fragen der Lebensmittelqualität, möglicher Gesundheitsrisiken und der Zugänglichkeit der Produkte müssen daher ernsthaft adressiert werden.

 

Bewertung aus der ökonomischen Perspektive

Eine gezielte Übersicht aus knapp 100 Artikeln zum Thema ergab, dass folgende zehn Aspekte für die ökonomische Dimension besonders häufig thematisiert werden:

Eigene Darstellung auf Basis von Daten aus Specht et al. (2014), S. 40

Aus ökonomischer Sicht kann die gebäudebezogene urbane Lebensmittelproduktion einen Mehrwert darstellen, etwa durch neue Geschäftsmodelle, Arbeitsplätze oder die Aufwertung von Immobilien. Je nach System lassen sich unterschiedliche Produkte mit teils hohen Erträgen erzeugen, insbesondere bei Kräutern, Salaten oder Spezialkulturen.

Gleichzeitig sind die ökonomischen Hürden erheblich. Der Bau und die Nachrüstung von Gebäuden für ZFarming sind oft kostenintensiv, ebenso der Betrieb der technischen Anlagen. Hinzu kommt die Konkurrenz mit anderen Nutzungsarten um knappen urbanen Raum sowie Unsicherheiten bei Finanzierung und Wirtschaftlichkeit. Zudem sind die Produktionskapazitäten einzelner Städte nicht ohne Weiteres übertragbar oder skalierbar, da sie stark von lokalen Rahmenbedingungen abhängen.

 

Fazit

Insgesamt zeigen sich Vorteile der gebäudebezogenen urbanen Landwirtschaft in allen drei Dimensionen der Nachhaltigkeit. ZFarming wird von verschiedenen Disziplinen – von Architektur und Stadtplanung über Umwelttechnik bis zur Ernährungsforschung – unterstützt und weiterentwickelt. Die positiven Effekte gehen dabei über die reine Lebensmittelproduktion hinaus und können urbane Räume ökologisch, sozial und gestalterisch aufwerten. Besonders interessant ist ZFarming für dicht besiedelte Städte mit begrenztem Zugang zu umliegenden landwirtschaftlichen Flächen. Die Integration in bestehende urbane Stoff- und Energiekreisläufe erscheint dabei als zentraler Erfolgsfaktor.

Dennoch verhindert die bislang fehlende breite Umsetzung eine abschließende Bewertung der Nachhaltigkeit. Viele Techniken müssen weiter erprobt werden, und Risiken wie die Exklusivität von Anlagen und Produkten sowie deren gesellschaftliche Akzeptanz sollten frühzeitig und ernsthaft berücksichtigt werden. Urbane Landwirtschaft ist damit weniger eine einfache Lösung, sondern ein vielversprechender Baustein in der komplexen Transformation städtischer Ernährungssysteme.

 

Quelle

Specht, K.; Siebert, R.; Hartmann, I.; Freisinger, U. B.; Sawicka, M.; Werner, A.; Thomaier, S.; Henckel, D.; Walk, H. & Dierich, A. (2014): Urban agriculture of the future: an overview of sustainability aspects of food production in and on buildings. Agriculture and Human Values, 31, 33-51.

Die beste Lage für die Landwirtschaft?

Überlegungen zweier klassischer Standorttheorien  

Wo ist der beste Platz für die Landwirtschaft: in der Stadt, außerhalb der Stadt oder überall? Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden zur Frage der bestmöglichen räumlichen Verteilung landwirtschaftlicher Nutzungen theoretische Überlegungen angestellt. Gut 100 Jahre später, wurden diese Erkenntnisse mit Blick auf die Stadtökonomie weiterentwickelt und der Landwirtschaft eine neue räumliche Position zugewiesen. Beide dieser klassischen Standorttheorien verraten bis heute gültige wichtige Grundüberlegungen zu der Frage, wo Landwirtschaft stattfinden soll.

Einführung

Die Landwirtschaft ist seit jeher Teil von Städten, doch ihre räumliche Ausprägung verändert(e) sich im Laufe der Zeit. Zur Erklärung der grundlegenden räumlichen und ökonomischen Muster gibt es historisch gesehen zwei Standorttheorien, die dafür besonders hilfreich sind. Gemeinsam bilden beide Modelle einen analytischen Rahmen, um zu verstehen, warum bestimmte Lebensmittelproduktionen stadtnah stattfinden, während andere weit entfernt oder globalisiert sind. Gerade angesichts neuer Trends wie zum Beispiel Vertical Farming liefern diese historischen Theorien überraschend aktuelle Einsichten.

 

Die Thünenschen Ringe: Sieben Ringe der Landwirtschaft

Die nach Johann Heinrich von Thünen benannten Ringe basieren auf seinen Arbeiten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das Thünensche Modell basiert auf einem stark vereinfachten Raum: eine einzelne, isolierte Stadt in der Mitte, völlig ebene und homogene Landschaft, gleiche Bodenqualitäten und ausschließlich Transportkosten als Variable. Unter diesen Bedingungen zeigen sich klare ökonomische Muster, wonach Produktionen mit hoher Verderblichkeit, hohem Gewicht oder schneller Lieferlogik nah am Markt liegen müssen und dort andere Nutzungen über ihre höhere Zahlungsbereitschaft für Boden verdrängen.

 

Die sieben Thünenschen Ringe:

Ring 0: Stadtzentrum - Zentrale Lage der Stadt im Raum

Ring 1: Freie Wirtschaft - Verderbliche, hochwertige Güter

Ring 2: (Nutz-)Holzwirtschaft - Hohe Transportkosten

Ring 3: Fruchtwechselwirtschaft - intensiver Ackerbau

Ring 4: Koppelwirtschaft - Getreide für Markt, haltbar

Ring 5: Dreifelderwirtschaft - extensiver Ackerbau mit Brache

Ring 6: Vieh- bzw. Weidewirtschaft - Tierhaltung

Ring 7: Extensive Waldnutzung - Nur für Jagd oder ähnliches

 

Da die Transportkosten die Bodenrente bestimmen, bedingen sie damit auch die räumliche Verteilung der Nutzungen. Bis heute spielen Transportkosten und Logistik eine wichtige Rolle in der räumlichen Ausprägung des Lebensmittelsystems, aber als einziger Standortfaktor wie bei Thünen sind sie unlängst durch verbesserte Kühllogistik, Globalisierung und Skaleneffekte verdrängt worden.

 

Von den Thünenschen Ringen zu städtischen Bodenrenten

William Alonso nahm Thünens Logik auf, übertrug sie jedoch aus der Agrarökonomie auf die Stadtökonomie. Sein sogenanntes Bid-Rent-Modell zeigt auf, wie verschiedene Akteure wie Haushalte, Gewerbe, Dienstleistungen, Industrie um zentrale Lagen in einer Stadt konkurrieren und wie sich Stadtstrukturen aus Gleichgewichten ihrer Zahlungsbereitschaften ergeben. Anstelle fest definierter Ringe wie bei Thünen treten Gebotskurven, die zeigen, wie viel Akteure für den Boden abhängig von der Entfernung zum Zentrum zahlen würden.

Die Transportkosten werden nunmehr als Pendelkosten verstanden und umfassen Geld und Zeit. Das Stadtzentrum wird nach diesem Modell durch nicht landwirtschaftliche Nutzungen dominiert und häufig zeigen sich der Einzelhandel und Büronutzungen mit der höchsten Zahlungsbereitschaft. Die Wohngebiete differenzieren sich nach ferner nach Präferenzen und Einkommen. Die Landwirtschaft hingegen befindet sich am peripheren Ende der Gebotskurve, weil die landwirtschaftliche Produktion

  • Eher geringe Bodenrenten erwirtschaftet,
  • Sie flächenintensiv ist und
  • Sie durch Stadtwachstum und damit einhergehende steigende Bodenpreise nach außen gedrängt wird.

Das Modell der Bodenrenten erklärt damit sehr präzise, warum Landwirtschaft in modernen Metropolregionen kaum im direkten Stadtgebiet existiert, sondern in Speckgürteln oder noch weiter entfernt angesiedelt ist – außer dort, wo durch Spezialisierung oder Produktintensität höhere Gebote möglich werden.

Die nach Johann Heinrich von Thünen benannten Ringe basieren auf seinen Arbeiten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das Thünensche Modell basiert auf einem stark vereinfachten Raum: eine einzelne, isolierte Stadt in der Mitte, völlig ebene und homogene Landschaft, gleiche Bodenqualitäten und ausschließlich Transportkosten als Variable. Unter diesen Bedingungen zeigen sich klare ökonomische Muster, wonach Produktionen mit hoher Verderblichkeit, hohem Gewicht oder schneller Lieferlogik nah am Markt liegen müssen und dort andere Nutzungen über ihre höhere Zahlungsbereitschaft für Boden verdrängen.

 

Schlussfolgerungen für heutige Formen der (urbanen) Landwirtschaft

Mit Blick auf heutige Städte und deren künftige Entwicklungen geben diese beiden Erklärungsansätze durchaus Aufschluss über die heutige Situation, müssen aber zugleich durch die aktuellen Entwicklungen weiter ausdifferenziert werden.

1. Entstehung eines neuen innersten Rings
Moderne und sehr flächeneffiziente Formen der urbanen Lebensmittelproduktion wie Vertical Farming maximieren Faktoren wie Frische, Liefergeschwindigkeit und Marketingwert. Sie sind genau dort verortet, wo bei Thünen der intensive Gartenbau lag, nur in einem modern optimierten Sinne.

2. Stadtnaher Gartenbauring bleibt bestehen
In vielen Metropolregionen finden sich rund um die Stadt intensive Anbaucluster, zum Beispiel für Gemüse, Beeren, Kräuter, die sich in Form von Gewächshäusern an den Stadträndern erkennen lassen. Das entspricht nach Thünen womöglich den Ringen 1 (Gemüseanbau) und 3 (Intensiver Ackerbau) und zeigt nach Alonsos Bid-Rent-Modell, dass nur diese meist schneller verderblichen Spezialkulturen im teuren Umland konkurrieren können.

3. Logistikknotenpunkte sind die neuen geometrischen Ringe
Im Gegensatz zu Thünens Modell, das streng auf geometrischen Annahmen beruht, zeigt sich heute und auch im Modell von Alonso, dass sich das Lebensmittelsystem nicht ausschließlich auf die Nähe zum Stadtzentrum ausrichtet, sondern vielmehr der Logik der modernen Logistik folgt, also entlang von Autobahnen, Kühlketten und Verteilzentren.

4. Globalisierung der Lebensmittelproduktion
Die großflächige Agrarproduktion mit niedriger Wertschöpfung wird heute und gemäß dem Modell von Alonso in großem Maßstab weit von Städten verdrängt oder global bezogen. Bereits zuvor ordnete Thünen den Ackerbau mit niedriger Wertschöpfung und tendenziell haltbareren Produkten den äußeren Ringen zu. Die Städte heute weisen aber durch den weltweiten Handel mit Lebensmitteln eine deutliche Importabhängigkeit auf.

5. Komplexität heutiger Ernährungssysteme
Während Thünen die Produktlogik anhand von Verderblichkeit, Wert und Gewicht von Lebensmitteln erklärte, ergänzte Alonso die Bodenwertlogik die Wettbewerb, Transportzeit und Prozesse wie Urbanisierung einbezog. Beides trifft in Teilen auf heutige urbane Ernährungssysteme zu, die einerseits lokal-intensiv, andererseits global-vernetzt und damit insgesamt komplex sind.

Eine gewisse Abstraktion und Verallgemeinerung ist beiden Modellen inhärent. Annahmen einer homogen (Stadt-)Landschaft sind in der Realität nicht zu beobachten, da keine gleichen Boden- oder Infrastrukturqualitäten bestehen. Darüber hinaus sind Städte, vor allem heutzutage, nicht monozentrisch ausgerichtet, sondern weisen verschiedene Subzentren auf oder sind gar mit Nachbarstädten verschmolzen und nunmehr Stadtlandschaften. Dennoch bieten diese Modelle ein wichtiges Grundverständnis der Funktionsweise und Logiken des Ernährungssystems und des Raums.

 

Fazit

Thünen lieferte das erste systematische Modell, das zeigt, wie Marktferne und Transportkosten landwirtschaftliche Nutzung räumlich organisieren. Alonso übertrug diese Grundlogik auf moderne Städte verdeutlichte, wie unterschiedliche Nutzungen um Boden konkurrieren und warum Städte funktional geschichtet sind. In Kombination können beide Modelle einen Rahmen bieten, um heutige Formen urbaner Lebensmittelproduktion zu verstehen und zu verorten. Demnach kann es sinnvoll sein, mit Spezialkulturen in sehr effizienten Anbauformen die Nähe zur Stadt bzw. zum Stadtzentrum zu suchen, während zugleich ein Großteil der landwirtschaftlichen Produktion auch aufgrund geringerer Wertschöpfung als andere städtischen Nutzungen eher im (weltweit) ländlichen Bereich bleibt.

Wenn sich die Stadt Dortmund selbst mit Lebensmitteln versorgen würde... 

Berechnung des Selbstversorgungsradius

© Geobasis NRW (Bezirksregierung Köln), 2025, Datenlizenz Deutschland – Namensnennung – Version 2.0 (https://www.govdata.de/dl-de/by-2-0), Datenquellen: Digitale Verwaltungsgrenzen (DVG1), Digitales Basis-Landschaftsmodell (Basis-DLM), Kartendarstellung: eigene Bearbeitung in QGIS

In der Stadt Dortmund leben über eine halbe Million Menschen. Wenn die Stadtbevölkerung alle Lebensmittel fortan lokal und regional beziehen würde, bräuchte die Stadt eine Vielzahl von landwirtschaftlichen Flächen für die Sicherstellung einer ausreichenden Lebensmittelproduktion. Welches Einzugsgebiet würde sich aus dieser Überlegung heraus ergeben, wenn alle tatsächlich vorhandenen Ackerland- und Dauergrünlandflächen radial um Dortmund herum dafür berücksichtigt werden würden?

Einführung

In der Ruhrgebietsstadt Dortmund lebten Ende 2024 rund 615.000 Menschen. Die Stadt wird, wie jede andere Großstadt in Deutschland auch, von den Akteuren eines globalen Ernährungssystems mit ausreichend Lebensmitteln versorgt. Doch sowohl in Dortmund selbst als auch im Umkreis von Dortmund bestehen nach wie vor landwirtschaftliche Flächen, die theoretisch für die Eigenversorgung der Stadt mit Lebensmitteln genutzt werden könnten, anstatt Produkte aus der ganzen Welt zu beziehen. Doch wie groß wäre dieses Einzugsgebiet und wo liegen die Grenzen dieser Überlegungen?

 

Wissenschaftliche Vorgehensweise zur Bestimmung der Selbstversorgung

In der Wissenschaft gibt es bereits Untersuchungsansätze, wie groß Einzugsgebiete von Städten sein müssten, um die Lebensmittelproduktion zurück die in Region zu holen (Stichwort: City Region Food Systems). Grundsätzlich wird die Berechnung dabei auf einige wenige Faktoren heruntergebrochen. Zunächst wird die Anzahl der in einer Stadt lebenden Menschen sowie deren Konsum an Lebensmitteln ermittelt. Daraufhin gilt es, die landwirtschaftlichen Flächen sowie deren durchschnittlichen Ertrag zu ermitteln, um die Lebensmittelproduktion abbilden zu können. Zuletzt werden diese Daten häufig in Geografischen Informationssystemen (GIS) so zusammengeführt, dass die bestehen landwirtschaftlichen Flächen, die für die Selbstversorgung einer Stadt nötig sind, radial um die Stadt auf einer Karte dargestellt werden. Diese Vorgehensweise ist eher theoretisch, aber kann eine sinnvolle erste Annährung an das Thema Selbstversorgung von Städten sein.

Während so der Selbstversorgungsradius einer Stadt ermittelt werden kann (foodshed analysis), könnten auch die tatsächlich existierenden Warenströme in Bezug auf Lebensmittel zwischen einer Stadt und der Region analysiert werden (food flow mapping). Die Schwierigkeit hierbei ist, gute Datengrundlagen zu erhalten, die meist bei privaten Unternehmen in diesem Bereich vorliegen. Außerdem stammen die in einer deutschen Stadt bereitgestellten Lebensmittel für gewöhnlich von verschiedenen Orten weltweit, weshalb eine vollständige Darstellung dieser Ströme kaum darstellbar ist.

 

Ermittlung des Selbstversorgungsradius in Dortmund

Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie groß der theoretische Selbstversorgungsradius von Dortmund sein müsste, gilt es zuerst die einschlägigen Datengrundlagen zu betrachten und erste Berechnungen anzustellen:

 

1. Berechnung der benötigten landwirtschaftlichen Fläche

Der Lebensmittelbedarf ergibt sich aus der Stadtbevölkerung multipliziert mit dem individuellen Flächenbedarf für Lebensmittel. Für Dortmund mit einer Stadtbevölkerung von 614.495 Menschen [1] und einem bundesweit durchschnittlichen Flächenbedarf von 2.250 m² pro Person pro Jahr (1.400 m² für tierische Produkte, 850 m² für Pflanzen) [2] ergibt sich folgende benötigte landwirtschaftliche Fläche:

614.495 * 2.250 m² = 1.382.613.750 m² (entspricht 138.261,375 ha)

 

2. Vorhandene landwirtschaftliche Flächen in der Stadt und im Umland ermitteln

Zur Ermittlung der vorhandenen landwirtschaftlichen Flächen im Umkreis von Dortmund können GIS-basierte Datensätze genutzt werden. Dabei werden die landwirtschaftlichen Flächen radial um die Stadt erfasst und schrittweise hinzugezogen, bis die benötigte Gesamtfläche von rund 138.261 ha erreicht ist.

 

3. Ableitung des Selbstversorgungsradius

Ergebnis Selbstversorgungsradius: Damit sich die Stadt Dortmund theoretisch selbst mit Lebensmitteln auf bestehenden landwirtschaftlichen Flächen versorgen kann, ist ein Umkreis von 35 km notwendig (siehe obenstehende Kartendarstellung). In diesem Umkreis existieren 138.261,375 ha landwirtschaftliche Fläche, die die rund 615.000 Menschen in Dortmund ausreichend mit Lebensmitteln versorgen könnten.

 

Weitere Ergebnisse

Mithilfe dieser Daten können weiterführende Berechnungen angestellt werden, die zu folgenden Zahlen führen:

4,66 %

ist der Selbstversorgungsgrad der Stadt Dortmund.

Die landwirtschaftlichen Flächen im Dortmunder Stadtgebiet würden es erlauben, knapp 5 Prozent der Stadtbevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen.

8,27 %

von allen landwirtschaftlichen Flächen in Nordrhein-Westfalen würden benötigt.

Das Einzugsgebiets zur Selbstversorgung der Stadt Dortmund würde rund 8 Prozent aller in Nordrhein-Westfalen verfügbaren landwirtschaftlichen Flächen [3] ausmachen. 

11,28 %

von der gesamten Landesfläche von Nordrhein-Westfalen liegt innerhalb des Radius.

Das Einzugsgebiet zur Selbstversorgung der Stadt Dortmund würde über 10 Prozent des gesamten Landesfläche von Nordrhein-Westfalen [4] in Anspruch nehmen.

Übersicht der landwirtschaftlichen Flächen in Dortmund

In Dortmund sind die aktuell vorhandenen landwirtschaftlichen Flächen vor allem an den Rändern der Stadt zu finden. Sie befinden sich größtenteils außerhalb der dichten Siedlungsbereiche.

© Geobasis NRW (Bezirksregierung Köln), 2025, Datenlizenz Deutschland – Namensnennung – Version 2.0 (https://www.govdata.de/dl-de/by-2-0), Datenquellen: Digitale Verwaltungsgrenzen (DVG1), Digitales Basis-Landschaftsmodell (Basis-DLM), Kartendarstellung: eigene Bearbeitung in QGIS

Der berechnete Selbstversorgungsradius zeigt, dass die Stadt Dortmund theoretisch rund mehr Fläche benötigt als sie selbst innerhalb der administrativen Stadtgrenzen zur Verfügung hat. Zudem macht die Stadtbevölkerung von Dortmund lediglich rund 3,41 Prozent an der gesamten Bevölkerung von Nordrhein-Westfalen aus, benötigt aber knapp ein Zehntel der insgesamt im Bundesland zur Verfügung stehenden landwirtschaftlichen Flächen. Das allein verdeutlicht die starke Abhängigkeit von umliegenden Regionen und die Bedeutung von funktionalen Stadt-Umland-Beziehungen im Ernährungssystem. Doch die tatsächlichen Verflechtungen sind global ausgeprägt und unterstreichen den großen Flächen- und Transportbedarf heutiger Ernährungsweisen.

 

Grenzen der Berechnung des Selbstversorgungsradius

Der Selbstversorgungsradius bietet eine hilfreiche Möglichkeit, den theoretischen Selbstversorgungsradius einer Stadt wie Dortmund zu berechnen. Dennoch gibt es dabei einige Einschränkungen. Die Berechnung basiert meist auf vereinfachten Annahmen zu Erträgen, Konsumgewohnheiten und Flächennutzung, die in der Realität stark variieren können. Transportwege, Handel, Lebensmittelverluste oder saisonale Schwankungen bleiben hier gänzlich unberücksichtigt. Zudem ignoriert diese Berechnung soziale und wirtschaftliche Faktoren, die die tatsächliche Versorgung beeinflussen.

 

Fazit 

Unterm Strich könnte sich die Stadtbevölkerung von Dortmund theoretisch durch die Nutzung aller landwirtschaftlichen Flächen innerhalb eines Radius von 35 Kilometern, um die Stadt herum selbst versorgen. Selbstverständlich stellt die Berechnung dieses Radius nur eine erste theoretische Annäherung an die tatsächlichen Notwendigkeiten einer städtischen Selbstversorgung dar und ist kein Abbild der Realität.

 

Quellen

[1] Statistikportal Dortmund (2025): https://statistikportal.dortmund.de/bevoelkerung/bevoelkerunginzahlen/

[2] Umweltbundesamt (2020): Von der Welt auf den Teller. Kurzstudie zur globalen Umweltinanspruchnahme unseres Lebensmittelkonsums. https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/5750/publikationen/uba_210121_kurzstudie_nahrung_barr.pdf   

[3] Landesbetrieb Information und Technik Nordrhein-Westfalen (2025): NRW – Deine Flächen. Ausgewählte statistische Ergebnisse zur Flächennutzung in Nordrhein-Westfalen. https://statistik.nrw/service/veroeffentlichungen/themenschwerpunkte/nrw-deine-flaechen

[4] Landesbetrieb Information und Technik Nordrhein-Westfalen (2025): Landesdatenbank NRW. https://www.landesdatenbank.nrw.de/ldbnrw/online?operation=download&code=12411-01i&option=xlsx

Vertical Farming – Landwirtschaft steht Kopf?

Hintergrundgedanken zu vertikalen Farmen in Städten  

Dieser Beitrag basiert auf dem Buch von Despommier (2010): The Vertical Farm.

Im Jahr 2010 wurde das Buch „The Vertical Farm“ von Dickson Despommier veröffentlicht, das heute in weiten Teilen als das Fundament von „Vertical Farming“ angesehen wird. Die Idee, die Landwirtschaft der Zukunft vertikal statt horizontal, indoor statt outdoor zu betreiben ist weitreichend und erscheint auf den ersten Blick wie eine weit entfernte Utopie. Allerdings führen ernsthafte Gründe zu der Idee des Vertical Farming, die sehr eng mit unserer städtischen Lebensweise verknüpft sind.

Einführung

Die Idee des Vertical Farming basiert auf der Erkenntnis, dass das heutige Ernährungssystem langfristig nicht nachhaltig ist. Vor 15.000 Jahren gab es weltweit noch keine Landwirtschaft, heute umfasst die bewirtschaftete Fläche bereits die Größe Südamerikas – und das sogar ohne die Weideflächen. Derzeit werden rund 70 % des globalen Trinkwassers für Bewässerung genutzt, während landwirtschaftliche Verschmutzungen zu den größten Umweltrisiken gehören. Sie betreffen nicht nur Grundwasser und Flüsse, sondern reichen bis in die Ozeane. Mit den Monokulturen kamen zahlreiche Krisen, ausgelöst durch extreme Wetterereignisse, Pflanzenkrankheiten oder Insektenplagen. Böden werden seither intensiv bearbeitet, gedüngt und mit Pestiziden behandelt – ein Vorgehen, das von Natur aus nicht vorgesehen ist. Diese Form der Landwirtschaft stößt an ihre Grenzen, insbesondere angesichts der weiter steigenden Nachfrage nach Lebensmitteln. Weitere Abholzung für immer mehr Felder und ein noch höherer Wasserverbrauch sind keine dauerhafte Lösung.

 

Betroffenheit der Städte 

Die Städte sind von dieser Entwicklung besonders betroffen. In den dicht besiedelten Zentren, in denen mehr als die Hälfte der
Menschen lebt, hängt die Versorgung stark von importierten Lebensmitteln und weiteren Ressourcen ab. Wenn diese Abhängigkeit durch den Einsatz immer größerer Mengen an Düngemitteln und Pestiziden abgesichert werden soll, kann das ökologische Gleichgewicht kippen – mit direkten Folgen auch für die Städte selbst. Schon heute wird geschätzt, dass rund 70 % der angebauten Pflanzen weltweit nie auf den Tellern der Menschen landen. Hinzu kommt, dass Städte mit ihrer hohen Abfallproduktion ein extremes Beispiel für die Umweltbelastung unserer Zeit darstellen. Autarke Städte könnten hier gegensteuern, indem sie helfen, die Umwelt zu entlasten und wieder in Balance zu bringen. Der Anbau direkt in der Stadt erscheint vor diesem Hintergrund naheliegend – insbesondere durch neue technologische Möglichkeiten. Dabei sollte auch bedacht werden, dass die jeder heute verzehrte Happen ohnehin schon stark von Technik geprägt ist, etwa durch moderne Landmaschinen oder den Transport.

 

Idee des Vertical Farming

Ein möglicher Lösungsansatz ist Vertical Farming. Dabei werden Pflanzen ohne Erde in speziell dafür errichteten Gebäuden angebaut, wodurch landwirtschaftliche Flächen wieder an die Umwelt zurückgegeben werden könnten. Diese Indoor-Farmen unterscheiden sich von klassischen Gewächshäusern, da sie Anbauflächen stapeln und somit deutlich effizienter nutzen. Gleichzeitig setzen sie auf Technologien wie Hydroponik oder Aquaponik. Geplant ist, dass solche Farmen modular und kostengünstig gebaut werden können, einen geschützten Raum für den Anbau bieten und langfristig unabhängig von ökonomischen Subventionen betrieben werden.

Auf den Punkt gebracht ist die Idee folgende: „Die Wahl ist einfach: Kontrolliere alles (Indoor-Farming) oder kontrolliere gar nichts
(Outdoor-Farming)." (Despommier 2010: 27)

 

Vorteile des Vertical Farming

01

Ganzjährige Produktion

Vertical Farming ermöglicht den Anbau unabhängig von Jahreszeiten – eine kontinuierliche Versorgung ohne saisonale Schwankungen.

02

Produktion unabhängig vom Wetter

Ernteausfälle durch Sturm, Hitze oder Dürre werden vermieden, da die
Produktion in geschützten Systemen stattfindet.

03

Vollständig kontrollierbare Bedingungen

Optimierte Licht-, Wasser- und Nährstoffzufuhr steigern Ertrag und Qualität und sichern so Ernährungssicherheit.

04

Verzicht auf Chemikalien

Der Verzicht auf Pestizide, Herbizide und Dünger schützt nicht nur die 
Umwelt, sondern auch diejenigen, die die Produkte letztlich konsumieren.

05

Einsparung von (Trink-) Wasser

Durch geschlossene Kreisläufe wird zwischen 70 und 95 % weniger 
Trinkwasser gegenüber der konventionellen Landwirtschaft benötigt.

06

Wasseraufbereitung

Vertical Farming kann Abfälle reduzieren und Grauwasser über die Evapotranspiration von Pflanzen in sauberes Trinkwasser verwandeln.

07

Kurze Wege

Lokale Produktion verringert Transportmeilen, senkt Emissionen und macht fossile Treibstoffe weniger relevant.

08

Schaffung von Arbeitsplätzen

Der Aufbau einer neuen Branche schafft Beschäftigungsmöglichkeiten in 
Planung, Technik und Betrieb.

09

Keine Schadstoffabflüsse

Da keine Chemikalien ins Freie gelangen, werden Böden, Flüsse und Meere entlastet.

10

Flächeneffizienz und Renaturierung

Ein Hektar Vertical Farming kann 10–20 Hektar konventionelles Land
ersetzen – Flächen könnten so der Natur zurückgegeben werden.

Bedeutung für die Städte

Städte werden oft als lebende Organismen beschrieben – mit eigener Identität und Dynamik. Doch das aktuelle, unkontrollierte Wachstum ähnelt eher der Philosophie einer Krebszelle. Viele Städte haben heute einen außer Kontrolle geratenen Metabolismus: Luft- und Wasserverschmutzung sowie Lärm führen zu einer erheblichen Anzahl an Todesopfern und planetaren Schäden.

Es gibt Beispiele in der Stadt- bzw. Quartiersentwicklung, die Technologie und Biosphäre verbinden, doch urbane Lebensmittelproduktion bleibt meist unberücksichtigt. Vertikale Farmen könnten hier den Wandel einleiten. Laut Despommier können Städte sich künftig mit Controlled Environment Agriculture (CEA) weitgehend selbst versorgen. Technologien wie Hydroponik, Aquaponik und Tröpfchenbewässerung steigern die Rentabilität, doch die Flächenknappheit erfordert gestapelte Systeme. Neben Dächern und ungenutzten Flächen sind auch größere Farmen an Stadträndern denkbar. Fortschritte in der Abfallwirtschaft können zudem Kreisläufe schließen und ein funktionales urbanes Ökosystem schaffen.

 

Holistischer Lösungsanspruch

Ein stadtbasiertes Produktionssystem ist entscheidend, um der aktuellen Entwicklung entgegenzuwirken. So kann die Versorgung mit Lebensmitteln gesichert und gleichzeitig die Umwelt wiederhergestellt werden – wovon die Städte selbst profitieren. Beide Wege müssen dabei zusammengedacht werden: Wenn es gelingt, urbane Zentren zu transformieren, kann im nächsten Schritt die Aufmerksamkeit auf die Wiederaufforstung jener Wälder gerichtet werden, die für landwirtschaftliche Flächen gerodet wurden. Städte könnten so künftig als natürliche Ökosysteme verstanden werden. Diese Verbindung aus hoher Flächeneffizienz in der Stadt einerseits und konsequenter Renaturierung von Landwirtschaftsflächen andererseits wird in vielen aktuellen Diskussionen noch übersehen, ist jedoch grundlegend für die Idee von nachhaltigen vertikalen Farmen.

 

Fazit

So utopisch die Idee des Vertical Farming klingen mag, umso berechtigter sind die Überlegungen dahinter. Obgleich die Wirtschaftlichkeit, die Nachhaltigkeit und praktikablen Anbaumöglichkeiten verschiedener Sorten dieser neuen Form der Lebensmittelform zumindest diskutabel bleiben, gibt die Idee Anstoß zu einem zukunftsgerichteten Diskurs über die resiliente Lebensmittelversorgung unserer Städte und einer nachhaltigen Landnutzung, die sowohl im städtischen als auch im ländlichen Raum neuen Anforderungen gerecht werden muss. 

 

Quelle

Despommier, D. (2010). The vertical farm. 

Aus den Augen, aus dem Sinn? 

Die Stadt(planung) und das Ernährungssystem - ein kurzer Überblick

Dieser Beitrag basiert auf dem Artikel von Pothukuchi & Kaufman (1999): Placing the food system on the urban agenda: The role of municipal institutions in food systems planning.

Das städtische Ernährungssystem ist in der Vergangenheit aus dem Blick der Öffentlichkeit geraten. Doch bereits seit Jahrtausendwende werden Ursachen für die Vernachlässigung des städtischen Ernährungssystem im Gegensatz zu anderen Sektoren wie Verkehr oder Wohnen gesucht. Diese Auseinandersetzung offenbart zugleich, dass zahlreiche Anknüpfungspunkte bestehen, das zu verändern – auch seitens der Stadtplanung!

Einführung

Lebensmittel werden schnell mit dem ländlichen Raum assoziiert. Weitläufige Felder für die Kultivierung von Pflanzen gepaart mit einer umweltverträglichen Tierhaltung bestimmen häufig das tendenziell positive Bild in der breiten Bevölkerung. In der Stadt hingegen existieren zwar Geschäfte des Lebensmitteleinzelhandels, aber ansonsten kaum sichtbare Beziehungen zu Lebensmitteln. Auch in der Vergangenheit wurden vor diesem Hintergrund die Ursachen für knappe oder teure Lebensmittel ausschließlich außerhalb der Stadt gesucht.

 

Vier Gründe für fehlendes Bewusstsein in der Stadtplanung

1. Lebensmittel als Selbstverständlichkeit

Lebensmittel werden heute weitgehend als selbstverständlich angesehen. In Supermärkten steht jederzeit ein umfassendes Angebot zur Verfügung, ergänzt durch eine große Auswahl an Restaurants und weiteren Einrichtungen zur Essensversorgung. Auch neue Wünsche wie regionale Produkte, Bio-Lebensmittel oder sogar der eigene Anbau können inzwischen problemlos erfüllt werden. Dadurch bleiben die Probleme der konventionellen Lebensmittelproduktion für die meisten Menschen kaum spürbar.

2. Historisch bedingte Trennung von Stadt und Lebensmittelproduktion

Städte entstanden im Zusammenspiel mit einem Hinterland, das die Versorgung mit Lebensmitteln übernahm und dabei weitgehend im Hintergrund blieb. Während Fragen zu Gesundheit, Wohnen oder Arbeit als zentrale Aufgaben der Stadt galten, wurde die Ernährung ausgeklammert. Wenn Lebensmittel fehlten, richtete sich der Blick meist allein auf die Landwirtschaft, nicht aber auf das Ernährungssystem mit seinen Themen wie Zugang, Ernährungsweisen, Versorgung oder Transport. Zudem führten Theorien zur Bodenrente dazu, landwirtschaftliche Aktivitäten aus zentralen Stadtlagen auszuschließen und verstärkten disziplinäre Lösungen zulasten einer ganzheitlichen Betrachtung von Stadt und Ernährung.

3. Geringe Sichtbarkeit des Ernährungssystem heute 

Durch technologische Entwicklungen im Transportwesen und in der Lebensmittelkonservierung wurden lokale Bauernhöfe zunehmend verdrängt. Die Versorgung mit Lebensmitteln erfolgte dadurch weitgehend unbemerkt und geriet aus dem direkten Blickfeld der Stadtbewohner. Im Gegensatz zum Wohnen, das schnell als Krise oder Problem thematisiert wurde, wurde die Lebensmittelversorgung nicht in ähnlicher Weise problematisiert und erhält daher bis heute nur eine geringe öffentliche Aufmerksamkeit.

4. Fehlendes politisches Bewusstsein

In der öffentlichen Politik zeigt sich eine klare Trennung zwischen Stadt und Land. Die Verantwortung für Lebensmittel liegt überwiegend beim ländlichen Raum, wo Agrarsubventionen sowie Maßnahmen zum Bodenschutz gefördert werden. In der Stadtpolitik hingegen stehen andere Themen wie Wohnen oder Kriminalität im Vordergrund. Deshalb haben Projekte der urbanen Landwirtschaft zwar Chancen auf Förderung, müssen bei Kürzungen jedoch häufig hinter anderen Bereichen zurückstehen. Dennoch wirken sich alle Maßnahmen im Zusammenhang mit Lebensmitteln letztlich auch auf die Stadtbevölkerung aus.

 

Diese Gründe haben auch dazu geführt, dass das Ernährungssystem sogar in städtischen Definitionen ausgeklammert wurde.

„Es besteht weitgehende Einigkeit darüber, dass Nahrungsmittelüberschüsse die Entstehung von Städten ermöglichten, doch der Stadtgeschichtler Arnold Toynbee geht sogar so weit, Städte ausschließlich anhand ihrer Unfähigkeit zu definieren, ausreichend Nahrung zu produzieren.“ (Pothukuchi & Kaufman 1999: 215)

Demgegenüber steht, dass zahlreiche Teile im städtischen Gefüge unausweichlich mit dem Ernährungssystem verbunden sind.

 

Beispiele für direkten Zusammenhang zwischen Stadt und Ernährungssystem

  • Der Lebensmittelsektor ist in der Stadt sehr wichtig. Supermärkte, Restaurants und andere Einrichtungen prägen das Angebot.
  • Viele Arbeitsplätze entstehen hier, vor allem für geringfügig Verdienende und formal niedrigqualifizierte Personen.
  • Lebensmittel sind ein zentraler Bestandteil des Konsums städtischer Haushalte.
  • Kommunen müssen landwirtschaftliche Flächen vor Zersiedlung schützen.
  • Lebensmittelabfälle machen einen großen Teil der Siedlungsabfälle aus und landen auf Deponien.
  • Chemische Dünger und Pestizide aus der Landwirtschaft belasten auch nahegelegene Trinkwasserquellen.
  • Ernährungsbedingte Probleme sind eine Ursache für viele Krankheiten.
  • Lebensmitteleinkäufe erzeugen städtischen Verkehr.
  • Ärmere Haushalte reduzieren ihre Nahrungsaufnahme, wenn die Mieten zu hoch sind.
  • Lebensmittelausgabestellen sind für mittlere und hohe Einkommen unsichtbar, aber selbst für Erwerbstätige wichtig.

Angesichts dieser komplexen Verbindungen und der höchstens fragmentierten Lösungsansätzen, wird eine ganzheitliche Betrachtung des städtischen Ernährungssystems vorgeschlagen.

 

Drei Lösungsvorschläge für eine ganzheitliche Betrachtung

A) Städtisches Amt für Ernährung

Eine zentrale Anlaufstelle für dieses Thema wird geschaffen, welche regelmäßig Analysen entlang der gesamten Lebensmittelkette durchführt und die Ergebnisse öffentlich bereitstellt. Dabei zeigt sie Herausforderungen im Zusammenhang mit Hunger sowie aktuelle Entwicklungen im Lebensmittelgeschäft auf. Zudem berät sie die Politik, um eine kontinuierliche Verbesserung zu ermöglichen. Ein wichtiger Aufgabenbereich ist die strategische Planung für die kommunale Ernährungssicherheit, die langfristig durch Programme, kurzfristig durch Maßnahmenkataloge und kontinuierlich durch Monitoring umgesetzt wird. Die Bereitstellung von Informationen dient der Schaffung von gleichen Wettbewerbsbedingungen und vor allem kleine und mittelständische Unternehmen profitieren, da sie sich teure eigene Analysen sparen. Probleme ergeben sich jedoch aus finanziellen Engpässen, fehlendem qualifiziertem Personal sowie aus der verwaltungsinternen und öffentlichen Wahrnehmung, die den Bedarf für eine neue Institution oft nur unzureichend erkennt.

B) Ernährungsräte

Seit den 1990er Jahren haben sich in den USA und Kanada zunächst aus informellen Aktivistengruppen aus den Bereichen Hungerbekämpfung, nachhaltige Landwirtschaft und Gemeindeentwicklung Lebensmittelräte gebildet. Daneben entstanden auch von Behörden legitimierte Räte, in denen verschiedene Akteure des Lebensmittelsystems zusammenarbeiten. Der lokale Bezug prägt dabei jeweils die Aktivitäten und die Zusammensetzung, doch alle verfolgen das Ziel, das Ernährungssystem gerechter, effektiver und ökologischer zu gestalten. Problematisch ist jedoch, dass diese Räte meist nur mit minimalen Ressourcen arbeiten und in der Regel lediglich eine beratende, aber keine institutionalisierte Funktion innehaben.

C) Stadtplanung

Als möglicher Ausgangspunkt für ein eigenes Amt ist die Planung darauf ausgerichtet, einen umfassenden Blick auf die Stadt, ihre Probleme und ihre Zukunft zu werfen. Die Stadtplanung sollte sich dabei vor allem mit der Anpassung von Siedlungen an menschliche Bedürfnisse befassen und die Vernetzung verschiedener Gemeinschaftsaspekte berücksichtigen. Während Luft und Wasser als grundlegende Bedürfnisse in diesem Zusammenhang beachtet werden. Als herausfordernd erweist sich, dass die Ernährung trotz ihrer zentralen Bedeutung häufig außen vor bleibt.

 

Fazit 

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das Ernährungssystem einen unterschätzten, aber großen Stellenwert für die Lebensqualität in unseren Städten besitzt. Nicht nur weil die Stadtplanung einen Anteil daran hat, die Lebensmittel konzeptionell von der Stadt abzugrenzen, sondern auch weil sie heutzutage über Kapazitäten verfügt, um für die Analyse und das Management des städtischen Ernährungssystems einzustehen. Notwendige Voraussetzung dafür bleibt die Legitimierung durch die städtische Politik, die in Bezug auf Lebensmittel wünschenswerterweise, nicht nur reaktiv auf aktuelle und kommende Herausforderungen tätig wird, sondern eine zukunftsorientierte Ausgestaltung des städtischen Ernährungssystems in Angriff nimmt.

 

Quelle

Pothukuchi, K. & Kaufman, J. L. (1999): Placing the food system on the urban agenda: The role of municipal institutions in food systems planning. Agriculture and Human Values, 16, 213-224. 

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